Die große Wende: Warum immer mehr Polen aus Deutschland zurückkehren

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Erstmals seit 2000 sind mehr Menschen aus Deutschland nach Polen gezogen als in die entgegengesetzte Richtung. Gleichzeitig ist die Zahl der Polen, die vorübergehend im Ausland leben, innerhalb von sieben Jahren um 191.000 gesunken. Das geht aus einem neuen Bericht des Warsaw Enterprise Institute (WEI) hervor.

Die Rückkehrmigration ist damit kein zufälliges demografisches Phänomen mehr. Polen sollte sie als Teil einer Strategie zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes betrachten, argumentiert die Migrationsforscherin Fatima Zahra Znioi vom Zentrum für Migrationsforschung der Universität Warschau / Warszawa in ihrer Analyse „Die große Wende – wer kehrt nach Hause zurück, warum gerade jetzt und was muss Polen tun, damit die Menschen bleiben?“.

2024 war das Jahr der Trendwende

Als Wendepunkt erwies sich 2024. Das deutsche Statistikamt Destatis registrierte 90.807 Umzüge von Deutschland nach Polen, während 82.082 Menschen in die entgegengesetzte Richtung zogen. Daraus ergab sich ein Wanderungssaldo von 8.725 Personen zugunsten Polens. Es war das erste derartige Ergebnis seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2000.

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Auch die polnische Emigration insgesamt schrumpft. Nach Angaben des polnischen Statistikamts GUS lebten Ende 2024 rund 1,499 Millionen Menschen mit dauerhaftem Wohnsitz in Polen mindestens zwölf Monate im Ausland. 2017 waren es noch 1,69 Millionen.

Warum kehren die Polen jetzt zurück?

Laut Bericht treffen mehrere Entwicklungen zusammen. Erstens hat Polen wirtschaftlich gegenüber Westeuropa aufgeholt. Der Lohnvorteil der klassischen Zielländer ist deshalb weniger entscheidend.

2024 lag das durchschnittliche Monatsgehalt im Unternehmenssektor bei 8.265,92 Zloty und stieg binnen eines Jahres um mehr als 13 Prozent. Im zweiten Quartal 2026 erreichte das Durchschnittsgehalt bereits 9.233,13 Zloty.

Gleichzeitig verloren einige Zielländer an Dynamik. Deutschland kämpfte mit schwächerem Wachstum, Problemen in der Industrie und steigenden Energiekosten. Großbritannien war wiederum stark von den Folgen des Brexit geprägt. 

Die Zahl der Polen in Großbritannien sank von rund 818.000 im Jahr 2019 auf 691.000 ein Jahr später. Im Juni 2025 verließen zudem rund 25.000 polnische Staatsbürger Großbritannien, während nur 6.000 bis 7.000 dorthin zogen.

Ein weiterer Faktor ist persönlicher Natur. Untersuchungen von Professorin Izabela Grabowska zeigen: Während wirtschaftliche Gründe häufig zur Auswanderung führen, sind für die Rückkehr vor allem älter werdende Eltern, der Wunsch, Kinder in Polen aufzuziehen, Identität sowie Zugehörigkeit ausschlaggebend. Die Entscheidung reift meist über Jahre.

Wer kehrt zurück?

Die Rückkehrer bilden keinen zufälligen Querschnitt der Auswanderer. Besonders häufig kehren Menschen zwischen 25 und 45 Jahren zurück. Auch bei der Bildung zeigt sich eine klare Auswahl, vor allem unter den Rückkehrern aus Großbritannien.

Es handelt sich zu einem großen Teil um dieselben jungen und gut ausgebildeten Menschen, die nach 2004 ausgewandert sind – allerdings mit zwei Jahrzehnten Berufserfahrung und internationalen Kontakten.

Die polnische Steuervergünstigung „Ulga na powrót“ zeigt einen Teil dieser Entwicklung. 2024 nutzten sie 25.100 Menschen, nach 16.300 im Jahr 2023 und 8.300 bei Einführung des Programms 2022.

Im Vergleich zu Schätzungen von rund 300.000 Rückkehrern zwischen 2017 und 2024 erreicht das Programm jedoch weniger als jeden zehnten Rückkehrer, heißt es im WEI-Bericht.

Die wichtigste Frage: Bleiben die Rückkehrer?

Für Polen besteht die größte Herausforderung nicht darin, Menschen zurückzuholen, sondern sie dauerhaft im Land zu halten. 

Eine Untersuchung von Fihel und Górny aus dem Jahr 2013, die auf Daten der Volkszählung von 2002 basiert, zeigte: 28 Prozent der Rückkehrer wanderten später erneut aus. Bei 73 Prozent dieser Gruppe dauerte der Aufenthalt weniger als ein Jahr.

Besonders wichtig sind familiäre Bindungen. Paare mit Kindern hatten eine um 67 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, in Polen zu bleiben, als alleinstehende Personen. Der stärkste Indikator für eine erneute Auswanderung war dagegen die doppelte polnisch-deutsche Staatsbürgerschaft. Sie verringerte die Wahrscheinlichkeit des Verbleibs um 65 Prozent.

Rückkehrer bringen mehr als Arbeitskraft

Der Wert der Rückkehrmigration geht laut WEI über die Deckung von Personalengpässen hinaus. Untersuchungen von Anne White und Izabela Grabowska zeigen, dass Rückkehrer neue berufliche Erfahrungen, internationale Netzwerke und andere Methoden zur Problemlösung mitbringen. Das kann Innovation und die Entwicklung von Institutionen in der gesamten Wirtschaft fördern.

In Polen arbeiten inzwischen mehr als eine Million Ausländer. Rückkehrer bringen jedoch eine besondere Kombination mit: Sie kennen polnische Institutionen, die Sprache und gesellschaftliche Normen und verbinden dieses Wissen mit Erfahrungen aus wettbewerbsintensiveren Auslandsmärkten. Die Autorin des Berichts bezeichnet dies als „Diaspora-Kapital“.

Dieses Potenzial wird allerdings nicht immer genutzt. Polnische Arbeitgeber unterschätzen häufig ausländische Berufserfahrung. Auch die Anerkennung von Qualifikationen bleibt kompliziert. Fachkräfte verlieren nach der Rückkehr teilweise an beruflichem Status. Analysten sprechen deshalb von „Brain Waste“.

Wohnraum als größte unterschätzte Hürde

Ein wesentliches Hindernis sind die Wohnkosten. Mitte 2025 kostete ein Quadratmeter in Warschau / Warszawa durchschnittlich 16.400 bis 17.250 Zloty. Eine 55 Quadratmeter große Wohnung kostete damit etwa 900.000 bis 950.000 Zloty. Die Hypothekenzinsen lagen bei bis zu 7,5 Prozent. Gleichzeitig wird das strukturelle Wohnungsdefizit auf rund 1,5 Millionen Wohnungen geschätzt.

Hinzu kommt die geografische Konzentration der Rückkehrer. Während der Transformationsphase ließen sich 78 Prozent in Städten nieder, vor allem in Warschau / Warszawa, Krakau / Kraków, Posen / Poznań, der Dreistadt Danzig / Gdańsk, Gdingen / Gdynia und Zoppot / Sopot sowie Breslau / Wrocław.

Damit profitieren ausgerechnet die ohnehin wirtschaftsstärksten Regionen am meisten. Die Gebiete, die durch die Auswanderung besonders viele Einwohner verloren haben, profitieren von den Rückkehrern deutlich weniger.

Die demografische Krise bleibt

Der demografische Druck bleibt trotz der Rückkehrbewegung enorm. Die Bevölkerung sank von 38,5 Millionen im Jahr 2011 auf 37,4 Millionen im Jahr 2025. Gleichzeitig erreichte die Fertilitätsrate 2024 mit 1,099 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstand.

Das Polnische Wirtschaftsinstitut prognostiziert zudem einen Rückgang der Erwerbsbevölkerung um 2,1 Millionen Menschen bis 2035. Die Rückkehrmigration wird diese Entwicklung nicht umkehren. Sie kann ihre Folgen jedoch abmildern, heißt es im WEI-Bericht.

Quelle: money

Foto: magnific

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