Polens Gesundheitswesen gerät zunehmend unter finanziellen Druck. Aufgrund steigender Ausgaben reichen die Mittel immer weniger aus, um das bisherige Leistungsniveau zu halten. Łukasz Kozłowski, Chefökonom des Verbands Polnischer Unternehmer (FPP), warnt vor einer erneuten Verschärfung der Krise. Im Programm „Onet Rano Finansowo“ erklärte er, die bisher angekündigten Maßnahmen seien keine grundlegende Reform.
Nach Angaben des Präsidenten des Nationalen Gesundheitsfonds (NFZ), Filip Nowak, fehlen dem Fonds im Haushalt 2026 rund 14 Milliarden Złoty. Das Geld wird benötigt, um Leistungen zu finanzieren, die über die bestehenden Verträge hinaus erbracht wurden. Der NFZ betont allerdings, dass die laufenden Verträge derzeit ohne Störungen umgesetzt werden.
Grundlegendes Problem bleibt ungelöst
Kozłowski kritisiert, dass sich die Politik vor allem auf einzelne besonders hohe Arztgehälter konzentriere. Das eigentliche Problem liege tiefer: Seit 2022 führt ein gesetzlicher Mechanismus zur automatischen Anpassung bestimmter Gehälter zu höheren Kosten im Gesundheitswesen. Diese sollten unter anderem durch höhere Bewertungen medizinischer Leistungen ausgeglichen werden.
„Das, was das Gesundheitsministerium vorgestellt hat, kann leider kaum als Reform bezeichnet werden. Es handelt sich eher um eine mechanische Einschränkung einiger Praktiken, die besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit und Empörung ausgelöst haben. Das grundlegende Problem des Systems bleibt ungelöst.“, meint Kozłowski.
Das System könne die steigenden Kosten nicht dauerhaft finanzieren. Dadurch drohten weniger Behandlungen und längere Wartezeiten.
Krankenhäuser könnten Aufnahmen stoppen
Besonders gefährdet seien die stationäre Behandlung und Bereiche, in denen Leistungen außerhalb der vertraglichen Limits weniger günstig vergütet werden. Als Beispiel nennt Kozłowski die bildgebende Diagnostik.
„Wir geben immer mehr aus, können für dieses Geld aber immer weniger Leistungen kaufen. Infolgedessen behandeln wir weniger Patienten, die Warteschlangen werden länger und gegen Ende des Jahres werden Krankenhäuser Aufnahmen stoppen, weil die Limits des NFZ ausgeschöpft sein werden.“, warnt der Ökonom.
Wenn Krankenhäuser Leistungen über die vertraglich vereinbarten Grenzen hinaus erbringen und dafür nur noch einen Teil der vorgesehenen Vergütung erhalten, könnten sich diese Behandlungen wirtschaftlich nicht mehr lohnen. Auch die kommunalen Träger könnten die entstehenden Verluste nicht unbegrenzt ausgleichen.
Immer längere Wartezeiten
Die Folgen sind bereits bei der medizinischen Versorgung sichtbar. In der ambulanten fachärztlichen Versorgung stieg die Zahl der dringenden Patienten laut Kozłowski innerhalb weniger Jahre von etwa 400.000 auf mehr als 800.000.
Auch bei stationären Aufnahmen verschlechterte sich die Lage. Die mittlere Wartezeit für dringende Patienten liegt inzwischen bei fast einem Monat – etwa doppelt so lange wie 2022 und 2023.
Ein FPP-Bericht zeigt eine ähnliche Entwicklung: Im dritten Quartal 2025 waren in der ambulanten fachärztlichen Versorgung 776.500 dringende Patienten registriert. Seit dem ersten Quartal 2022 ist ihre Zahl damit um mehr als 135 Prozent gestiegen.
Krankenhäuser mit Milliardenverbindlichkeiten
Die Finanzprobleme des NFZ wirken sich zunehmend auf die Krankenhäuser aus. Nach Angaben aus Branchenpublikationen überschritten die Schulden öffentlicher Krankenhäuser nach dem ersten Quartal 2026 37 Milliarden Złoty. Die überfälligen Verbindlichkeiten stiegen auf mehr als 5 Milliarden Złoty.
„Das System verliert nicht nur auf Seiten des NFZ an Leistungsfähigkeit. Dies wirkt sich ebenfalls auf die finanzielle Lage der Krankenhäuser und letztlich auch auf die Patienten aus.“
Kozłowski sieht darin einen grundlegenden Unterschied zu früheren Krisen. Inzwischen gerät nicht nur die finanzielle Situation einzelner Einrichtungen unter Druck. Auch die Zahlungsfähigkeit des NFZ selbst wird zum Problem. Einnahmen aus dem Gesundheitsbeitrag und staatliche Zuschüsse reichen zunehmend nicht aus, um die laufenden gesetzlich vorgeschriebenen Kosten zu decken.
Staatshaushalt kann Lücke nicht unbegrenzt schließen
Auch der Staat hat nur begrenzte Möglichkeiten, die Finanzierungslücke auszugleichen. Zusätzliche Milliarden für das Gesundheitswesen konkurrieren mit Ausgaben für Verteidigung, Sozialleistungen, Bildung sowie den Schuldendienst.
„Rücklagen oder Mittel des Gesundheitsministeriums werden irgendwann nicht mehr ausreichen, um den NFZ in dem notwendigen Umfang zusätzlich zu finanzieren.“, warnt Kozłowski.
Bereits im April 2026 führte der NFZ zudem degressive Vergütungssätze für bestimmte diagnostische Leistungen ein. Für Untersuchungen wie Computertomografien oder MRTs, die über die vereinbarten Limits hinausgehen, zahlt der Fonds nur noch einen Teil des regulären Preises.
Quelle: BI
Foto: magnific
