Ungefähr 320000 Fahrzeuge werden in Deutschland jedes Jahr von Versicherungen als wirtschaftlicher Totalschaden eingestuft, das sind Zahlen die der GDV veröffentlicht, und die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen weil Fälle ohne Vollkasko da nicht auftauchen. Reparatur teurer als das was das Auto noch wert ist, das reicht, dann ist es ein Totalschaden, Presse muss da nicht kommen. Das Fahrzeug geht an eine Restwertbörse, für ein paar tausend Euro, und ab da wird es interessant.
Werner Lohr hat mir das mal vorgerechnet. Lohr macht Fahrzeuggutachten in Nürnberg, seit fünfzehn Jahren, Büro über einer Bäckerei in Langwasser, im Treppenhaus riecht es nach Brot. Ein Fahrzeug wird in Deutschland als Totalschaden abgerechnet, sagen wir Wiederbeschaffungswert 14000 Euro, Reparaturkosten geschätzt auf 16000. Die Versicherung zahlt den Wiederbeschaffungswert abzüglich Restwert an den Versicherungsnehmer, und das Fahrzeug geht für den Restwert an eine Restwertbörse, manchmal für 3000 oder 4000 Euro, manchmal weniger. Auf den Börsen kaufen oft Händler aus Polen, Litauen, Rumänien, Bulgarien. Lohr kennt ein paar davon persönlich, sagt er, die rufen ihn manchmal an wenn sie wissen wollen ob ein bestimmtes Fahrzeug sich lohnt, und meistens lohnt es sich. Die Rechnung geht so, er hat sie mir auf einem Zettel aufgeschrieben, hinten auf einer Rechnung für Bremsbeläge. Werkstatt in Łódź oder Plovdiv, Stundensatz ein Drittel oder Viertel vom deutschen, gebrauchte Teile statt Neuteile, die Reparatur kostet 4000, vielleicht 5000 Euro. Insgesamt stecken dann 7000 oder 8000 drin, und in Deutschland bringt das 11000 oder 12000. Lohr hat den Stift hingelegt und gesagt, pro Fahrzeug bleiben 3000, 4000 hängen, und wer das regelmäßig macht hat davon ein Einkommen. Er kennt Leute die nichts anderes tun, die haben ihre Werkstätten in Osteuropa, ihre Kontakte an den Börsen, ihre Abnehmer hier.
Dann hat er sein Handy rausgeholt und durch die Fotos gewischt, zwischen Familienbildern und Nahaufnahmen von Schweißnähten, bis er eine Limousine gefunden hat die er vor ein paar Monaten begutachtet hatte. Totalschaden in Deutschland, Börse, Litauen, neun Monate später wieder in Franken. Außen hättest du nichts gesehen, Lack sauber, Spaltmaße stimmten, Innenraum komplett aufbereitet, sogar die Fußmatten waren neu, hat er extra erwähnt weil das normalerweise keiner macht bei einer normalen Aufbereitung. Was Lohr dann gefunden hat, und er hat dafür die Verkleidungen abgenommen und eine Stunde unter dem Auto gelegen, waren Schweißnähte die nicht vom Hersteller stammten. Die Geometrie der vorderen Längsträger war um ein paar Millimeter verschoben, nicht genug um es zu sehen, genug um es zu messen. Wer das geschweißt hat konnte was, sagt Lohr, daran liegt es nicht. Nur sind Längsträger so konstruiert dass sie sich bei einem Aufprall in einer bestimmten Abfolge zusammenfalten, kontrolliert, damit die Energie weg ist bevor die Fahrgastzelle was abbekommt. Liegt die Geometrie ein paar Millimeter daneben oder hat der Stahl nach dem Richten andere Eigenschaften, faltet sich das anders. Vielleicht schlechter, vielleicht zur Seite statt nach vorne, weiß keiner vorher. Ob besser oder schlechter weiß man vorher nicht, sagt Lohr, das sei das Problem, es ist nicht kalkulierbar. Er hat mir erklärt dass manche Reparaturbetriebe die Längsträger einfach kalt richten, mit hydraulischen Pressen, und dass das Material danach zwar gerade aussieht, die Kristallstruktur im Stahl sich durch die Verformung und Rückverformung verändert hat, was die Festigkeit reduziert. Er hat da ziemlich lange drüber geredet, mit Zeichnungen auf der Rückseite einer Quittung, Pfeile und Kraftvektoren, ich glaube ihm hat gefallen dass mal jemand zugehört hat.

Was Lohr mich gefragt hat, und was ich seitdem nicht mehr loswerde, ist ob mir klar sei dass Totalschaden in Deutschland eine Rechenaufgabe ist und keine technische Bewertung. Reparatur teurer als Wiederbeschaffung, fertig, Totalschaden. Ein Auto für 8000 Euro mit 9000 Euro Schaden, das fährt danach genauso, nur will es die Versicherung nicht bezahlen. Rumänien, Bulgarien, teilweise Polen, da rechnet man anders oder gar nicht, oder der Besitzer macht einfach was er will. Dass die dann reparieren ist erstmal nicht das Problem, das dürfen die, das ist legal, und meistens funktioniert das Auto danach auch.
Nur kommt das Fahrzeug irgendwann zurück, über einen Zwischenschritt, neues Transitland, neue Papiere, und da steht vom deutschen Totalschaden nichts mehr drin. Der Händler hier sieht ein importiertes Fahrzeug, Papiere sauber, Lack sauber, und hat keinen Grund misstrauisch zu sein, jedenfalls keinen der in den Unterlagen steht. Ob das vor zwei Jahren mal ein Totalschaden war, kann er den Papieren nicht entnehmen, weil die Papiere nach der Neuzulassung im Transitland frisch ausgestellt werden. Wer online eine Recherche per Fahrgestellnummer Auto durchführt, bekommt in vielen Fällen Einträge aus den Versicherungsdatenbanken des Herkunftslandes und den Totalschadensregistern die dort geführt werden, sofern das Fahrzeug dort registriert war. Das zeigt ob ein Fahrzeug irgendwann als Totalschaden gemeldet wurde, und allein dieser Eintrag reicht oft schon um die richtigen Fragen zu stellen. Was es nicht zeigt ist ob die anschließende Reparatur ordentlich war oder nicht, das kann kein Register zeigen, dafür braucht man einen Sachverständigen.
Lohr hat mir erzählt, er habe im letzten Jahr acht Gutachten für Fälle geschrieben bei denen Fahrzeuge mit deutscher Totalschadenshistorie über Osteuropa zurück nach Deutschland gekommen waren. Drei davon, sagt er, waren ordentlich gemacht, die hätte er als fahrfähig durchgehen lassen. Fünf nicht. Eins davon hatte er als besonders bescheuert in Erinnerung, ein Fahrzeug bei dem nach der Reparatur der Airbag-Sensor nicht wieder angeschlossen war, und weil dann natürlich die Warnleuchte im Kombiinstrument leuchtete, hatte jemand die per Software abgeschaltet. Der Fahrer hatte keine Ahnung, kein Licht, kein Hinweis, nichts.
Lohr hat das erzählt während er Kaffee trank und aus dem Fenster guckte, unten auf dem Parkplatz stand sein eigener Kombi, Delle in der Fahrertür, seit drei Jahren. Repariert er nicht, sagt er, lohnt sich wirtschaftlich nicht. Er hat gelacht als er das gesagt hat.
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