Polen könnte Deutschland beim Wohlstand bis etwa 2040 einholen. Zu dieser Einschätzung kommt der Wirtschaftswissenschaftler Marcin Piątkowski. Im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“ erklärt der Ökonom, dass Polen seit 1990 den Abstand zum Westen deutlich verringert hat.
Piątkowski lehrt an der Akademia Leona Koźmińskiego in Warschau / Warszawa und arbeitet mit der Weltbank zusammen. Seiner Einschätzung nach hat Polen in den vergangenen Jahrzehnten eine außergewöhnliche wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen.
Gleichzeitig gewinnt Polen auch für die deutsche Wirtschaft an Bedeutung. Seit 1990 ist der deutsche Export nach Polen laut Piątkowski um das 33-Fache gestiegen. Polen ist inzwischen für Deutschland ein größerer Absatzmarkt als China.
Chancen nach dem politischen Umbruch
Piątkowski nennt mehrere Gründe für den wirtschaftlichen Aufstieg Polens. Dazu gehören seiner Ansicht nach die größere Chancengleichheit nach 1989, das hohe Bildungsniveau sowie die Wirtschaftspolitik der aufeinanderfolgenden Regierungen.
„Nach 1989 konnte praktisch jeder Erfolg haben“, sagte Piątkowski im Interview. Viele der reichsten Polen hätten demnach ohne großes Startkapital und ohne geerbtes Vermögen begonnen.
Damit verweist der Ökonom auf einen wichtigen Unterschied zur wirtschaftlichen Entwicklung in vielen anderen Ländern. Der politische und wirtschaftliche Umbruch nach 1989 habe in Polen neue Möglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten geschaffen.
Kritik an Deutschlands Fiskalpolitik
Auch die Finanzpolitik beider Länder spielt in Piątkowskis Analyse eine wichtige Rolle. Mit Blick auf Deutschland kritisiert der Ökonom einen von ihm so bezeichneten „fiskalischen Fundamentalismus“.
Dieser Ansatz habe Investitionen in die Zukunft eingeschränkt. Piątkowski plädiert deshalb für eine höhere Neuverschuldung, sofern damit Investitionen finanziert werden. Einen größeren Spielraum bei den Staatsfinanzen hält er demnach für vertretbar, wenn das Geld beispielsweise in die wirtschaftliche Entwicklung fließt und nicht lediglich höhere Sozialleistungen finanziert.
Polens Defizit bereitet ihm keine großen Sorgen
Beim polnischen Staatshaushalt zeigt sich Piątkowski ebenfalls vergleichsweise gelassen. Er sieht trotz des hohen Defizits keine unmittelbare Gefahr einer übermäßigen Verschuldung Polens.
Das polnische Haushaltsdefizit lag im vergangenen und im laufenden Jahr bei rund 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit war es etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.
Entscheidend für die weitere Entwicklung seien jedoch die richtigen Investitionen. Polen müsse insbesondere Innovationen fördern und eigene starke Marken aufbauen. Nur so könne das Land sein hohes Wachstumstempo langfristig halten.
Quelle: money
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