Über 20.000 Bernsteinfragmente, Tausende verzierter Perlen und Anhänger sowie Spuren von insgesamt zehn Werkstätten – so präsentiert sich das archäologische Bild von Masowien in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Obwohl die Region weit von der Ostseeküste entfernt liegt, entwickelte sie sich zu einem der wichtigsten Zentren der Bernsteinverarbeitung in Europa außerhalb des Römischen Reiches.
Der Bernstein, oft als „Gold des Nordens“ bezeichnet, fasziniert seit Jahrhunderten durch seine Schönheit und besonderen Eigenschaften.
Während er meist mit den Stränden der Ostsee in Verbindung gebracht wird, zeigen aktuelle archäologische Untersuchungen ein anderes Bild. Neue Funde belegen, dass die polnische Region Masowien bereits im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. eine zentrale Rolle auf der europäischen Bernstein-Karte spielte.
Auf dem Gebiet von fünf antiken Siedlungen – Biskupice, Izdebno Kościelne, Regów, Tłuste und Wierzbino – entdeckten Archäologen die Überreste von zehn spezialisierten Werkstätten.
Verborgene Schätze: Tausende Bernsteinfragmente
Die Entdeckungen in Biskupice und Izdebno Kościelne gelten europaweit als außergewöhnlich. In einer Werkstatt fanden Forscher mehr als 20.000 Bernsteinfragmente. Das deutet auf eine Produktion in nahezu industriellem Maßstab hin.
Die Funde zeigen alle Phasen der Herstellung: von rohen Bernsteinklumpen über Halbfertigprodukte bis hin zu fertigen Schmuckstücken wie Perlen und Anhängern. Die Vielfalt der Formen belegt ein hohes handwerkliches Können der damaligen Produzenten.
Die große Menge an Objekten spricht dafür, dass die Produktion nicht nur für den lokalen Bedarf bestimmt war. Vielmehr dürfte Bernstein aus Masowien in andere Regionen Europas exportiert worden sein und eine wichtige Rolle im Fernhandel gespielt haben.
Arbeitsweise der antiken Bernsteinhandwerker
Die Werkstätten befanden sich meist in sogenannten Grassodenhäusern, also kleinen, teilweise in den Boden eingetieften Gebäuden. Diese Bauweise schützte vor Witterungseinflüssen und bot stabile Arbeitsbedingungen.
“Bernstein ist ein vergleichsweise weiches Material. Daher benötigten die Handwerker keine komplexen Werkzeuge. Sie arbeiteten mit Messern, Bohrern aus Knochen oder Eisen sowie mit steinernen Geräten zum Schleifen und Polieren”, erklärt der Archäologe prof. Adam Cieśliński.
Der Herstellungsprozess umfasste mehrere Schritte:
- grobe Formgebung des Rohmaterials,
- Schleifen und Ausarbeiten der Form,
- Bohrung von Löchern,
- abschließendes Polieren.
Einige Objekte wurden vermutlich mit einfachen Drehvorrichtungen gefertigt. Dadurch entstanden regelmäßige und symmetrische Formen. Entsprechende Bearbeitungsspuren sind an vielen Fundstücken sichtbar.
Herkunft des Bernsteins bleibt teilweise ungeklärt
Eine zentrale Frage betrifft die Herkunft des Rohmaterials. Zwar gibt es im nordöstlichen Teil von Masowien, insbesondere in der Region Kurpengau, natürliche Bernsteinvorkommen. Diese reichen jedoch nicht aus, um eine Produktion in diesem Umfang zu erklären.
Als wahrscheinlichste Quellen gelten daher die Ostseeküsten, insbesondere die Region Sambia sowie das Gebiet der Danziger Bucht.
Der Bernstein musste also importiert werden. Das deutet auf gut entwickelte Handelsnetzwerke hin. Nach Einschätzung des Archäologen könnte der Import mit dem Austausch von lokal produziertem Eisen zusammengehangen haben.
Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass die Blüte der Eisenproduktion in Masowien zeitlich vor der intensivsten Phase der Bernsteinverarbeitung lag. Diese zeitliche Verschiebung wirft neue Fragen über die wirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen beiden Gewerben auf.
Quelle: rmf24
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