Trinkkultur im Wandel

Polen trinken weniger? Immer mehr junge Menschen verzichten auf Alkohol

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Die Daten sagen klar: In Polen wird immer weniger Alkohol getrunken. Bedeutet dies das Ende der Alkoholprobleme an der Weichsel? Ganz so einfach ist es nicht. Zwar wächst unter jungen Menschen die Zahl derjenigen, die bewusst abstinent leben. Gleichzeitig bleibt der gesellschaftliche Druck zum Mittrinken vielerorts bestehen.

„Eine Einladung zu einem Drink abzulehnen, erfordert nach wie vor viel Selbstbehauptung. Ich habe oft Sätze gehört wie: ‚Du bist langweilig‘ oder ‚Wie kannst du ohne Alkohol Spaß haben?‘“, sagt Paweł Mrozek im Gespräch mit Interia.

Seiner Einschätzung nach steckt Polen weiterhin in einer tiefen Alkoholkrise. Besonders die Situation unter Minderjährigen sei problematisch. Mehrfach habe er auf den Straßen von Warszawa / Warschau erlebt, dass ein zwölfjähriges Kind ältere Jugendliche um den Kauf eines „Bierchens“ gebeten habe.

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Junge Menschen trinken weniger: „Wir wählen Alternativen“

Der 19-jährige Mrozek gehört zur Generation Z und hat sich bewusst dafür entschieden, nüchtern ins Erwachsenenleben zu starten. Obwohl er selbst keinen Alkohol trinkt, hält er die verbreiteten Vorstellungen über das Alter beim ersten Alkoholkonsum für falsch. Seiner Beobachtung nach kommen Jugendliche heute bereits mit etwa 14 Jahren erstmals mit Alkohol in Kontakt.

In seinem Umfeld beobachtet er deshalb zwei gegensätzliche Entwicklungen: Einerseits wächst die Gruppe bewusster Abstinenzler. Andererseits geben sich weiterhin viele Menschen der Trinkkultur hin.

In diesem Jahr begann Mrozek sein Studentenleben. Die Partys, an denen er teilnimmt, haben jedoch wenig mit den legendären Geschichten aus Studentenwohnheimen zu tun. „Alkohol kommt dort überhaupt nicht vor oder spielt nur eine Nebenrolle. Wir wählen Alternativen: gemeinsame Restaurantbesuche, Sport, Reisen oder Brettspiele. Nicht zu trinken schafft Raum für authentische Beziehungen und Spaß – ohne Kater und ohne völligen Kontrollverlust“, sagt er.

Dennoch erlebt Mrozek weiterhin sozialen Druck. „Eine Einladung zu einem Drink abzulehnen, erfordert an vielen Orten nach wie vor viel Selbstbewusstsein. Ich selbst habe oft Sätze gehört wie: ‚Du bist langweilig‘ oder ‚Wie kannst du ohne Alkohol Spaß haben?‘ Viele junge Menschen geben dem Gruppendruck weiterhin nach“, räumt er ein.

Nach Einschätzung Mrozeks wird Abstinenz zwar in bestimmten, bewussteren sozialen Gruppen zunehmend zur Normalität. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene müssen sich Menschen dafür jedoch häufig noch rechtfertigen. „Das ist ein beispielloser Widerspruch“, sagt er.

Warum entscheiden sich junge Menschen zunehmend gegen Alkohol? Mrozek sieht dafür „ein ganzes Bündel an Faktoren“. Im Mittelpunkt stehen für ihn die psychische Gesundheit, persönliches Wohlbefinden und der Wunsch, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten.

„Ich habe nie Alkohol getrunken, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass diese Substanz den menschlichen Körper und Beziehungen einfach zerstört. Junge Menschen sehen, dass Alkohol keine Probleme löst. Er schafft lediglich neue – Angstzustände, eine schlechtere psychische Verfassung, gesundheitliche Probleme und sogar finanzielle Schwierigkeiten“, erklärt er.

Alkoholkonsum in Polen: Was sagen die Daten?

Nach einer neuen Eurostat-Erhebung für 2025 geben 0,5 Prozent der Befragten in Polen an, täglich Alkohol zu trinken. 2,9 Prozent trinken demnach wöchentlich und 17 Prozent einmal im Monat. 2022 lagen die entsprechenden Werte noch bei 1 Prozent, 4,2 Prozent und 22,1 Prozent. Zum Vergleich: In der gesamten Europäischen Union greifen 5 Prozent der Bevölkerung täglich zu Alkohol.

Die Entwicklung in Polen wirkt daher zunächst sehr positiv. Die Zahlen zeigen einen deutlichen Rückgang. Allerdings gibt es einen wichtigen Vorbehalt: Auf der Eurostat-Seite ist bei den polnischen Daten für 2025 eine geringe Datenzuverlässigkeit vermerkt.

„Der Alkoholkonsum, insbesondere unter jungen Menschen, geht zurück. Das steht außer Frage. Für mich werden jedoch die Sterblichkeitsraten der wichtigste Indikator dafür sein, wie wir trinken und welches Verhältnis wir zum Alkohol haben. Denn das ist – entschuldigen Sie den Zynismus – der endgültige Effekt des Alkoholkonsums. Wenn sich diese Statistiken verbessern, werde ich optimistisch sein“, sagt Krzysztof Brzózka im Gespräch mit Interia. Er leitete früher die polnische Staatliche Agentur zur Lösung von Alkoholproblemen.

Auch das Nationale Zentrum zur Bekämpfung von Suchterkrankungen, errechnete anhand von Statistiken des polnischen Statistikamtes GUS einen Rückgang des Alkoholkonsums im Jahr 2025. Umgerechnet auf reinen Alkohol konsumierte jeder Einwohner Polens durchschnittlich 8,3 Liter. Das waren 0,5 Liter weniger als ein Jahr zuvor. Auch der Konsum von Bier und Wein ging zurück.

Die Sterblichkeitsraten entwickeln sich dagegen nicht positiv. Jedes Jahr sterben in Polen mehr als 30.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Brzózka spricht sogar von bis zu 40.000 Todesopfern im Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit.

„Erst wenn diese Zahl zu sinken beginnt, werde ich beruhigter sein und davon ausgehen, dass sich in der Politik und im gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol vernünftige Veränderungen vollziehen“, sagt der Experte.

Junge Menschen entdecken den NoLo-Trend

Ein weiterer Grund für den sinkenden Alkoholkonsum unter jungen Menschen ist der NoLo-Trend – also „No Alcohol“ beziehungsweise „Low Alcohol“. Brzózka bewertet diese Entwicklung positiv. „Am schwierigsten ist es, einen Trend in eine positive Richtung zu schaffen“, sagt er.

Nach Ansicht des Experten setzte diese Entwicklung bereits rund um die COVID-19-Pandemie ein. Junge Menschen hätten damals festgestellt, dass sie auch ohne Alkohol Spaß haben können.

Bei Menschen, die bereits zuvor regelmäßig getrunken und beispielsweise kleine Alkoholflaschen in ihren Taschen versteckt hätten, habe sich die Situation dagegen verschärft. „Menschen, die schon vorher getrunken und die kleinen Flaschen in ihren Taschen versteckt hatten, sind während des Lockdowns zu Hause einfach völlig abgerutscht. Aus diesem Zustand ist es schwer herauszukommen“, betont Brzózka.

Vor der Pandemie habe Polen beim Alkoholkonsum ein besonders problematisches Niveau erreicht. „Wir befanden uns auf dem Niveau eines sowjetischen Modells, bei dem die Degradierung einer Nation beginnt“, sagt Brzózka.

Seiner Einschätzung nach verlässt Polen dieses Modell inzwischen langsam.. „Es gibt jedoch weiterhin Gruppen von Menschen über 40 und über 50, die viel und lange trinken. Ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten werden wir nicht mehr ändern“, meint der Experte.

Mindestpreise für Alkohol als mögliche Lösung

Eine mögliche Maßnahme wäre nach Brzózkas Einschätzung die Einführung von Mindestpreisen für Alkohol. Ein solches Modell wurde bereits in Schottland eingeführt. Die Erfahrungen dort seien positiv. Besonders in sozial benachteiligten Gruppen sei der Alkoholkonsum deutlich zurückgegangen.

„Es stellte sich heraus, dass der Konsum in den ausgegrenzten Gruppen drastisch zurückging. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Lebenserwartung in der Gruppe, die zuvor die größten Verluste und die höchste Sterblichkeit verzeichnet hatte“, sagt Brzózka.

Quelle: interia

Foto: magnific

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