Ein Sichelblatt am Hals, ein Vorhängeschloss am Fuß und offenbar noch eine weitere, bislang nicht identifizierte Sicherung: Der ungewöhnliche Fund aus dem polnischen Pień gibt Archäologen weiterhin Rätsel auf. Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass die junge Frau nach ihrem Tod besonders sorgfältig daran gehindert werden sollte, ihr Grab zu verlassen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sie möglicherweise nicht aus der unmittelbaren Region stammte.
Ein ungewöhnlicher Fund aus dem 17. Jahrhundert
Das Grab der jungen Frau wurde 2022 von Archäologen der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn/Toruń unter Leitung von Prof. Dariusz Poliński entdeckt. Die Tote wurde später „Zosia“ genannt.
Besonders auffällig waren zwei Elemente der Bestattung: Auf dem Hals der Frau lag eine Sichel, während am großen Zeh ihres linken Fußes ein dreieckiges Vorhängeschloss angebracht war.
Solche Maßnahmen wurden in historischen Bestattungen mit der Vorstellung verbunden, dass ein Verstorbener aus dem Grab zurückkehren könnte. Die ungewöhnliche Anordnung lässt daher darauf schließen, dass die Menschen, die Zosia bestatteten, besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen wollten.
Das Grab wurde nach der Beisetzung erneut geöffnet
Neue Untersuchungen liefern nun weitere Hinweise. Die Archäologen gehen davon aus, dass das Grab bereits kurze Zeit nach der ursprünglichen Bestattung erneut geöffnet wurde.
Dabei dürfte die Sichel hinzugefügt worden sein. Ihr scharfes Blatt war in Richtung des Halses beziehungsweise der Kehle ausgerichtet – eine Anordnung, die verhindern sollte, dass die Tote das Grab verlassen konnte.
Doch damit noch nicht genug an Vorkehrungen
An verschiedenen Stellen des Schädels wurden auffällige grünliche Verfärbungen festgestellt. Sie befanden sich unter anderem am Gaumen, an der Schädelbasis, im Inneren der Nasenhöhle sowie an den ersten beiden Halswirbeln.
Die Verfärbungen könnten auf einen weiteren Gegenstand aus Kupfer oder einem Material mit hohem Kupferanteil zurückzuführen sein. Was genau dort platziert wurde, konnten die Forscher bislang jedoch nicht feststellen.
Prof. Dariusz Poliński erklärte, dass diese zusätzliche Sicherung bereits bei der ursprünglichen Bestattung vorhanden gewesen sein könnte. Zusammen mit den später hinzugefügten Maßnahmen deuteten die Befunde auf eine ausgeprägte Furcht vor der Verstorbenen hin.
Wer war Zosia?
Auch die Herkunft der jungen Frau ist weiterhin Gegenstand der Forschung.
DNA-Untersuchungen deuten darauf hin, dass Zosia möglicherweise skandinavische Vorfahren hatte. Die Analyse der Strontiumisotope bestätigt diese Herkunft allerdings nicht eindeutig.
Nach Einschätzung der Forscher könnte sie eine Migrantin mindestens in der zweiten Generation gewesen sein. Gleichzeitig sprechen die Untersuchungsergebnisse dafür, dass sie selbst in der Umgebung des heutigen Pień aufgewachsen sein könnte.
Zosia starb vermutlich um Mitte des 17. Jahrhunderts. Sie war zu diesem Zeitpunkt erst etwa 17 bis 19 Jahre alt und soll zwischen 162 und 168 Zentimeter groß gewesen sein.
Schmuck könnte auf einen hohen sozialen Status hindeuten
Auch die Ausstattung des Grabes liefert Hinweise auf die Lebensgeschichte der jungen Frau.
In der Nähe ihres Unterkiefers wurden ein dekoratives Seidenband sowie Fäden aus reinem Silber und Gold entdeckt. Solche Funde könnten darauf hindeuten, dass Zosia innerhalb ihrer damaligen Gesellschaft einen vergleichsweise hohen sozialen Status besaß.
Warum sie dennoch mit außergewöhnlichen Maßnahmen gegen eine mögliche Rückkehr aus dem Grab „gesichert“ wurde, lässt sich nicht eindeutig beantworten.
Die Kombination aus dem Vorhängeschloss, der Sichel und dem möglichen Kupfergegenstand zeigt jedoch, dass die Bestattung keineswegs gewöhnlich war.
Was sagen die neuen Untersuchungen über die „Vampirfrau“?
Die Forschungsergebnisse beruhen unter anderem auf DNA-Analysen, Radiokarbondatierung und Untersuchungen stabiler Isotope. Sie ermöglichen es, die Lebensgeschichte der jungen Frau genauer zu rekonstruieren und zugleich die ungewöhnlichen Bestattungsrituale besser einzuordnen.
Eine eindeutige Erklärung dafür, warum Zosia auf diese Weise bestattet wurde, gibt es bislang nicht. Die archäologischen Befunde zeigen jedoch, dass die Menschen, die an ihrer Beisetzung beteiligt waren, außergewöhnliche Vorsichtsmaßnahmen trafen.
Die Ergebnisse der neuen Untersuchungen wurden im Fachjournal Journal of Archaeological Science: Reports veröffentlicht.
Quelle: interia
Foto: Facebook/Pień – badania archeologiczne
