Polnische Sicherheitsbehörden haben vier unterirdische Tunnel an der Grenze zu Belarus aufgedeckt. Die Anlagen dienten offenbar dazu, Migranten illegal in die Europäische Union zu schleusen. Die Bauweise gilt als professionell und technisch anspruchsvoll.
Die Entdeckungen werfen daher nicht nur migrationspolitische, sondern auch sicherheitspolitische Fragen auf. Experten schließen nicht aus, dass beim Bau Spezialisten aus dem Nahen Osten beteiligt waren. Als mögliche Akteure gelten unter anderem die Hamas, die Hisbollah oder der sogenannte Islamische Staat.
Polens Regierung macht zugleich das Regime von Alexander Lukaschenko politisch verantwortlich. Minsk weist die Vorwürfe zurück.
Tunnel bei Narewka: 180 Migranten geschleust
Einen der größten unterirdischen Übergänge entdeckten polnische Behörden Mitte Dezember nahe dem Dorf Narewka in der Woiwodschaft Podlachien.
Der Tunnel war etwa 1,5 Meter hoch. Der Eingang auf belarussischer Seite lag versteckt im Wald. Der Korridor verlief rund 50 Meter auf belarussischem und weitere 10 Meter auf polnischem Gebiet. Betonstützen stabilisierten die Konstruktion.
Insgesamt nutzten 180 Migranten den Tunnel, überwiegend aus Afghanistan und Pakistan. Die Behörden nahmen die meisten unmittelbar nach dem Grenzübertritt fest. Die Polizei veröffentlichte Fotos von ein Paar der 130 festgenommenen Personen.
Dies blieb kein Einzelfall. Die Grenzschutzbehörde des Bezirks Podlachien deckte im Jahr 2025 insgesamt vier Tunnel unter der Grenze zu Belarus auf. Gegenüber der britischen Zeitung The Telegraph erklärte eine Sprecherin des Grenzschutzes, moderne physische und elektronische Sicherungen ermöglichten eine sofortige Reaktion auf jeden Versuch der Grenzverletzung – auch unterirdisch. Zum Einsatz kommen Wärmebildkameras und spezielle Detektionssysteme.
Wer verfügt über das nötige Know-how?
Umfang und Bauweise der Tunnel werfen Fragen auf. Militärische Experten sehen die notwendige technische Kompetenz vor allem im Nahen Osten.
Nach Einschätzung von Fachleuten verfügen insbesondere die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon, bestimmte kurdische Gruppierungen sowie vermutlich auch der sogenannte Islamischer Staat über Erfahrung im Bau vergleichbarer Anlagen.
Die US-Militärhistorikerin Lynette Nusbacher hält eine Beteiligung iranisch unterstützter Gruppen wie der Hisbollah für möglich. Nach dem Libanonkrieg 2006 habe der Iran massiv in den Tunnelbau im Süden des Landes investiert. Auch die Hamas habe im Gazastreifen ein weit verzweigtes Tunnelsystem errichtet. Spezialisierte Kenntnisse im Tiefbau führten daher in den Nahen Osten.
Der britische Major und frühere Pionieroffizier Rob Campbell sieht nach Analyse von Aufnahmen aus Polen ebenfalls Parallelen zur Hamas. Er verweist zudem auf Experten mit Verbindungen zum Palästinensischen Islamischen Dschihad.
Spur führt auch nach Kurdistan
Zurückhaltender äußert sich die ehemalige Oberstleutnantin des israelischen Militärgeheimdienstes Sarit Zehavi. Iranisch unterstützte Gruppen seien nur eine von mehreren Möglichkeiten. Auch kurdische Milizen in Syrien oder der Islamische Staat verfügten über entsprechendes Wissen.
Polnische Regierungsvertreter erwähnen ebenfalls eine kurdische Spur. Innenminister Marcin Kierwiński erklärte zuvor, ein Teil der am Tunnelbau beteiligten Personen stamme aus Kurdistan. Die politische Verantwortung liege jedoch beim Regime in Minsk.
Der katarische Sender Al-Dschasira berichtete im vergangenen Monat über die Entdeckung eines weitläufigen Tunnelsystems unter der syrischen Stadt ar-Raqqa. Verantwortlich seien die von Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte.
Katz-und-Maus-Spiel an der EU-Außengrenze
Die polnische Regierung betont, Sicherheitskräfte könnten Tunneleingänge aufspüren und zerstören. Dennoch wächst die Sorge, dass jede geschlossene Route rasch durch eine neue ersetzt wird.
Ein Regierungsvertreter wertet die aufwendigen Bauarbeiten sogar als Hinweis auf die Wirksamkeit der polnischen Grenzsicherung. Wenn Schleuser auf Tunnelbau mit internationaler Expertise zurückgriffen, spreche das für die hohe Effektivität der bisherigen Maßnahmen gegen illegale Migration.
Vize-Innenminister Czesław Mroczek erklärte in einem Radiointerview, die Entscheidung zum Tunnelbau zeige, dass Polens Maßnahmen zur Eindämmung irregulärer Migration Wirkung entfalten.
Quelle: forsal
Foto: facebook / Straż Graniczna