Eine Route voller Tradition

Eine ideenreiche und einzigartige Attraktion, die zahlreiche Touristen anzieht, ist das Ergebnis eines polnisch-slowakischen Projektes. Worum geht es? Um die Route der historischen Rezepturen im Karpatenvorland und der Slowakei.

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Dienstag, 07. Juli 2020
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Foto: Robert Dethloff/PolenJournal.de
Foto: Robert Dethloff/PolenJournal.de

1968 wurde die Papiermühle in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój in ein Papiermuseum umgewandelt. Obwohl der historische und künstlerische Wert der Anlage bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wahrgenommen wurde, konnte keiner ahnen, dass mithilfe eines grenzüberschreitenden Projekts es die Mühle auf die Liste des UNESCO-Welterbes schaffen könnte.

 

Mauern, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen

Wenn man unterwegs in der Woiwodschaft Niederschlesien ist und genauer gesagt durch Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój fährt, so fällt es einem schwer, das sich an der Hauptstraße befindende Gebäude emotionslos zu passieren. Auf den ersten Blick ist vor allem die schön verzierte Fassade auffällig. Jeder der bei seiner Reise kurz anhält und sich ins Innere wagt, wird sicher nicht enttäuscht. Die Innenräume des Papiermuseums beherbergen wahre Schätze, welche die Anlage unverwechselbar erscheinen lassen.

“In der Papiermühle sind die künstlerischen Motive deutlich erkennbar. Das Gebäude ist von Außen, an der West- und Nordseite verziert. Es ist deutlich erkennbar, dass es immer wieder verschönert wurde. Die Besitzer hielten es gar für eine Adeligenresidenz, in der sie selber lebten. Im Inneren befinden sich in zwei Sälen Wandmalereien, die die Anlage von allen anderen Papiermühlen unterscheiden. Aus diesem Grund erinnert es mehr an einen Adeligenhof, als an eine Mühle”, erklärt Maciej Szymczyk.

Die genannten Wandmalereien, die auf das 17. und 18. Jahrhundert datiert werden, zieren die Räume der ersten Etage im Dachgeschoss. “Wir haben zwei Säle, die wir gegenwärtig als den Saal unter der Kuppel und den Josefsaal bezeichnen. Woher stammen diese Bezeichnungen? Im ersten Raum ziert die Decke ein Plafond, der den Eindruck einer Kuppel erzeugt. Im zweiten Saal haben wir ein imposantes Wandgemälde, wo die Szene der Verführung Josefs durch Potifars Frau abgebildet wurde”, fügt der Direktor der Reinerzer Papiermanufaktur hinzu. Vollgespickt mit Papierkuriositäten sind auch die Ausstellungen und Expositionen, die dem Handwerk, der Technik sowie den künstlerischen und diversen unscheinbaren Anwendungen des Papiers gewidmet sind. Das Herz der Papiermühle stellt die Papierschöpferei dar, wo Workshops und der Museumsunterricht stattfinden und wo man die Kunst des Papierschöpfens bekannt machen kann.

Nach einem Rundgang durch das Papiermuseum in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój hat man das Gefühl, dass es eine Hülle und Fülle an Gründen gibt, damit die Papiermühle auf die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wird. Ist dies aber tatsächlich der Fall?

Das Papier ist geduldig

Mit dem Beginn des 12. Jahrhunderts verbreitete sich das Papierhandwerk in ganz Europa. Die ersten Papiermühlen, die sich in den heutigen Grenzen Polens befinden würden, entstanden Ende des 15. Jahrhunderts. Dabei wurde in Deutschland und genauer gesagt in Nürnberg, die erste Papiermanufaktur bereits im 14. Jahrhundert betrieben. “Papiermühlen gab es viele in jedem Land. Wenn wir die Gebiete des gegenwärtigen Polens in Betracht ziehen, dann waren es Hunderte. Wir können gar nicht genau bestimmen, wie viele. Im Papiermuseum beschäftigen wir uns mit dem Papier in Polen und dank unserem UNESCO-Projekt auch in ganz Europa und auf der Welt”, so Maciej Szymczyk, der auch darauf verweist, dass bis heute nur 30 Papiermühlen auf dem Kontinent überdauert haben. Aus diesem Grund will das Bad Reinerzer Museum ein internationales Forschungszentrum einrichten, das die Informationen zu den noch bestehenden Papiermanufakturen sammeln und verbreiten wird.

„Zwar präsentiert Polen als Land der ganzen Welt den Vorschlag, die zum Konsortium gehörenden Anlagen auf die Liste aufzunehmen, doch wir leisten alle einen Beitrag zur Stärkung der länderübergreifenden Zusammenarbeit und kulturellen Entwicklung” 


Maciej Szymczyk 

Die Aufnahme auf die Liste des UNESCO-Welterbes nur der Papiermühle in Niederschlesien wäre dementsprechend problematisch und wohlgemerkt fast unmöglich. Letzten Endes sind die künstlerischen Motive in der Anlage wichtig, aber nicht entscheidend. “Im Fall einer Papiermühle ist gerade die Papierherstellung das Wichtigste. Wir wissen jedoch, dass sie in rund 30 Anlagen in ganz Europa auf eine ähnliche Weise stattfindet. Wir haben festgestellt, dass es besser wäre, ein Konsortium zu gründen, dass eine Überblicksschau zur europäischen Papierherstellungskunst darstellt, die immer noch gepflegt wird”, erläutert der Direktor des Papiermuseums in Bad Reinerz/ Duszniki-Zdrój. Dies war jedoch nicht der einzige Grund dafür, warum man sich für eine internationale Nominierung entschieden hat. Das Prüfungsverfahren wird als vorrangig eingestuft und dauert deswegen kürzer.

 

 

Schnell stellte sich heraus, dass die Ansprüche der Papiermühle in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój auch von der nicht mal 100 Kilometer weiter liegenden Anlage in Velké Losiny/ Groß Ullersdorf erhoben werden. Die Tschechen haben vergeblich versucht ihre Papiermühle auf die Liste des UNESCO-Welterbes einzutragen. An einem bestimmten Zeitpunkt wurde ihnen vorgeschlagen, eine Nominierung vorzulegen, die mehrere Papiermanufakturen umfassen würde. Das gemeinsame Ziel hat zu einer Zusammenarbeit geführt, die schließlich den Grundstein für das Konsortium legte. “2015 haben wir gemeinsam mit unseren Partnern aus der Tschechischen Republik ein Absichtsschreiben unterzeichnet. Schon damals wussten wir aber, dass wir weitere Anlagen für die Zusammenarbeit gewinnen müssen”, erklärt Maciej Szymczyk. So eine ist mit aller Sicherheit das Papiermuseum in Homburg. Anhand einer Analyse wurde festgestellt, dass nur die polnische und tschechische Mühle auf ihre eigene Art einzigartig sind. “In der tschechischen Papiermühle wurde die Papierherstellung nie eingestellt. In Bad Reinerz war dies der Fall, aber wir haben wiederum die künstlerischen Motive, die uns von den anderen unterscheiden. Die deutsche Anlage ist wiederum die jüngste, denn sie ist im 18. Jahrhundert entstanden und es wurde ein Balken nach dem anderen auseinandergenommen und an einen anderen Platz verlegt. Es ist also ein Beispiel für eine wandernde Mühle. Diese Tatsache, die die Anlage von anderen unterscheidet, hielten wir für sehr interessant, und so haben wir eine Zusammenarbeit vorgeschlagen”, fügt er hinzu.

Wenig später hat man in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój ein dreiseitiges Übereinkommen unterzeichnet. Gleichzeitig hat man sich festgelegt, dass die polnische Seite aus rein pragmatischen Gründen die Leitung des Projekts übernimmt. “Die Papiermühlen in Velké Losiny/ Groß Ullersdorf und Homburg sind private Museen, die weniger Angestellte haben als wir. Unser Museum hat wiederum eine Marketing-, Bildungs- und eine Papierherstellungsabteilung. Darüber hinaus führen wir eine wissenschaftliche Tätigkeit aus. Wir haben beschlossen, dass dies uns ermöglichen wird, das Projekt reibungslos zu leiten und die nötigen Geldmittel zu gewinnen”, erklärt Maciej Szymczyk. Der nächste Meilenstein ist die Beteiligung eines weiteren, vierten Partners, zu dem die Papiermühle Richard de Bas aus Ambert in Frankreich wurde. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist die älteste Anlage, die zum Konsortium gehört. Am 29. Oktober 2019 wurde ein entsprechendes Übereinkommen von Maciej Szymczyk,  aus Homburg, Petr Fouček aus Velké Losiny/Groß Ullersdorf sowie von Sylvain Péraudeau aus Ambert unterzeichnet. “Zwar präsentiert Polen als Land der ganzen Welt den Vorschlag, die zum Konsortium gehörenden Anlagen auf die Liste aufzunehmen, doch wir leisten alle einen Beitrag zur Stärkung der länderübergreifenden Zusammenarbeit und kulturellen Entwicklung”, unterstreicht der Direktor des Bad Reinerzer Museums und räumt auch ein, dass der Weg, der dem Konsortium bevorsteht, zwar lang ist, aber das Papier ist zum Glück geduldig.

 

 

Zeit, die Ärmel hochzukrempeln

Das Jahr 2020 wird unter dem Zeichen von harter Arbeit und Umsetzung weiterer Etappen stehen, die zur Aufnahme auf die UNESCO-Liste führen. Maciej Szymczyk hat im Gespräch mit PolenJournal.de gesagt, dass das Konsortium die im Jahr 2019 aufgenommene Vergleichsanalyse aller 30 Papiermühlen zu Ende bringen wird, sodass man sich anhand dieser Vorlage festlegen kann, wen man zur Zusammenarbeit einlädt. Der nächste Schritt wird darin bestehen, die entsprechende Dokumentation vorzubereiten, sie zu übersetzen und dem polnischen Kulturministerium vorzulegen. Dieses wird dann gebeten, die gemeinsame Nominierung bei der UNESCO einzureichen. “Nach dem Jahr 2024 werden alle zum Konsortium gehörende Anlagen kontrolliert, und in Bezug auf ihren außergewöhnlichen Wert und somit potenzielle Aufnahme auf die Liste des UNESCO-Welterbes evaluiert. Deswegen müssen wir gewisse Vorbereitungsmaßnahmen treffen, die uns ermöglichen, unsere Vorschläge durchzusetzen”, meint der Direktor.

„Jeder von uns wäre ohne Papier nicht in der Lage, zu funktionieren. Vielleicht schreiben wir weniger auf Papier, vielleicht lesen wir weniger auf Papier als noch vor einigen Jahren, aber wir kaufen viele Waren und Produkte, die in Papier eingepackt sind. Heutzutage nimmt das Papier eine andere Funktion an, wir nutzen es sehr kurz und oft werfen wir es weg, ohne darüber nachzudenken, ob man es noch für etwas nutzen könnte” 


Maciej Szymczyk

Im Rahmen dieser Vorbereitungen sind weitere Renovierungen, Sicherungsarbeiten sowie Veränderungen an der Infrastruktur und Organisation des Fremdenverkehrs vorgesehen. “Die Aufnahme auf die Liste des UNESCO-Welterbes steigert die Attraktivität und Bekanntheit des jeweiligen Objekts und dementsprechend auch die Anzahl der Gäste. Die Papiermühlen in Ambert, Homburg, Velké Losiny/Groß Ullersdorf und unsere in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój können allesamt mit steigenden Besucherzahlen und höherem Absatz von Büttenpapier, das man in allen Anlagen kaufen kann, rechnen. Trotzdem kommt unserem gemeinsamen Projekt vor allem eine große Bedeutung für die europäische Zivilisation zu, denn es ermöglicht uns, die Bedeutung des Papiers für die Kultur, Bildung und Kommunikation über die Jahrhunderte hinweg, der breiten Öffentlichkeit einzuprägen”, fügt Szymczyk hinzu.

Jeder kann sich mit dem Papier anfreunden

Die erwähnten Besucherzahlen sind schon heute beeindruckend, denn das Papiermuseum wird jährlich von rund 700.000 Touristen besucht und zählt dementsprechend zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Woiwodschaft Niederschlesien. Die Papiermühle findet Anerkennung nicht nur unter den Gästen aus Polen, sondern auch aus anderen Ländern. “Es kommen Besucher aus der Tschechischen Republik, aber auch vielen anderen, europäischen Ländern, wie etwa aus Frankreich oder Großbritannien”, sagt der Direktor des Museums, dessen Angebot so universell ist, wie ein Stück Papier. 

Aus diesem Grund kommen besonders Jugendliche und Kinder gern und oft, aber auch Erwachsene und Senioren zu Besuch. Nach der Besichtigung oder einem Museumsunterricht in der alten Papierschöpferei zeigen sie sich manchmal sehr überrascht, auf wie viele Lebensbereiche das Papier Einfluss nimmt. “Jeder von uns wäre ohne Papier nicht in der Lage, zu funktionieren. Vielleicht schreiben wir weniger auf Papier, vielleicht lesen wir weniger auf Papier als noch vor einigen Jahren, aber wir kaufen viele Waren und Produkte, die in Papier eingepackt sind. Heutzutage nimmt das Papier eine andere Funktion an, wir nutzen es sehr kurz und oft werfen wir es weg, ohne darüber nachzudenken, ob man es noch für etwas nutzen könnte”, sagt Maciej Szymczyk.

Dem kann man nur zustimmen und so lohnt es sich, das Museum zu besuchen und mit eigenen Augen zu sehen, dass man sich mit Papier anfreunden kann. Wird diese Meinung auch das Welterbe-Komitee teilen? Raschelt das Büttenpapier bald in der UNESCO? Wir werden es bald herausfinden!

 

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