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Sonntag, 19. Mai 2019
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Erica Il Cane, ul. Cybulskiego 10 | Foto bereitgestellt von BWA Wrocław
Erica Il Cane, ul. Cybulskiego 10 | Foto bereitgestellt von BWA Wrocław

Wrocław / Breslau - eine Stadt mit einer außergewöhnlichen Geschichte, die über Nacht in ein anderes Land versetzt wurde und trotzdem zeigte, dass sie damit zurechtkommen kann. Vielleicht trug eben das dazu bei, dass die Hauptstadt Niederschlesiens so interessant ist, wenn es ums Aufnehmen neuer Trends geht. Street Art gehört zu einem davon. Bestimmt hörte schon jeder mal diese Bezeichnung und hat sich ein Bild über diese Kunstrichtung gemacht. In Wrocław / Breslau wurde Street Art zum Phänomen, dessen Potenzial zuerst die Galeriekette BWA Wrocław Galerie Sztuki Współczesnej entdeckte und schließlich erforschen, sowie den Menschen vorstellen wollte. 

Bekritzelte Wände und Bushaltestellen oder monumentale Murals, von denen es in letzter Zeit immer mehr in Polen zu sehen gibt? Ist es schon Street Art? Oder sollte man die Frage anders formulieren - ist es nur Street Art? Auf der Suche nach der Antwort, habe ich mich nach Wrocław / Breslau begeben, wo Street Art schnell als eine Kunstrichtung anerkannt wurde und auf großes Interesse stieß. Im Gespräch mit Joanna Stembalska, der Kuratorin der Internationalen Biennale der Kunst im Öffentlichem Raum “OUT OF STH” - der ersten Ausstellung dieser Kunstrichtung, unterhalte ich mich über die Außerordentlichkeit von Street Art, ihrer Geschichte, Aufgaben, die sie sich stellt, und ihrer Entwicklung. Wenn ihr Wrocław / Breslau mal aus einer anderen Perspektive sehen wollt, lohnt es sich die Route der Urban Art zu wählen. 

Emanuela Janda, PolenJournal.de: Nicht viele sind sich bewusst, dass man die Anfänge von Street Art in der Höhlenmalerei oder in antiken Städten finden kann. Wann können wir aber von dem Anfang dieser Kunstrichtung in solcher Form, in welcher wie sie schon kennen, sprechen?

Joanna Stembalska, BWA Studio Wrocław: Genau, die Wurzeln von Street Art können wir sogar in Pompeji finden, aber wir sollten nicht so weit in die Vergangenheit zurückgehen. Ich würde sagen, dass Urban Art, die gegenwärtigen Graffitis - breiter gefasst als Street Art - umfasst. In Urban Art sind alle Formen der Kunst im öffentlichen Raum beinhaltet. Die heutigen Handlungen werden vor allem mit den Städten des 20. Jahrhunderts assoziiert und umfassen unterschiedliche Formen - kurze Unterschriften, Tags, Aufschriften, politisch und sozial gefärbte Zeichnungen, Schablonen, Aufkleber und schließlich auch Murals. Man nimmt an, dass die Stadt, aus welcher alle diese Formen der künstlerischen Aktivität kamen, New York sei. Der offizielle Anfang der Street Art wird auf die Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts datiert. In dieser Zeit schuf auf den Straßen der Großstadt der Künstler Taki ‘183. Alles hat damit angefangen, dass er mithilfe von dickem Filzstift U-Bahn-Waggons und alle Plätze, die er besucht hatte, unterzeichnete. Da er als Kurier gearbeitet hat und auf seinem Fahrrad jeden Tag durch die Stadt gefahren ist, hat er unglaublich viele Orte erreicht. Seinem Beispiel folgten andere Künstler, die somit ihre Präsenz markiert haben. Wir müssen aber daran denken, dass es damals ganz anders war, als heute. Es mussten kurze, schnelle Handlungen sein, denn solche Aktivität war illegal. Am häufigsten bediente man sich eben einen dicken Filzstifts, später Spraydosen...

Da solche Handlungen illegal waren, mussten die Künstler auch in der Nacht arbeiten, oder? 

Ja, viele von ihnen arbeiteten unter dem Schutz der Dunkelheit. Die Anzahl von Namen, oder besser von Pseudonymen, wurde immer größer - Yank 135, Barbara 62, sind nur einige von ihnen. Die Tätigkeit dieser Künstler konzentrierte sich hauptsächlich auf das Unterschreiben. Der New Yorker Stil zeichnete sich von ähnlichen Formen dieser künstlerischen Tätigkeit in anderen Großstädten durch Subjektivitätsbekundung und Expressivität aus. Man sprach damals von einer großen Gruppe von Graffiti-Writers. 

blu, Wyspa Słodowa | Foto bereitgestellt von BWA Wrocław

Im Laufe der Zeit wurde aber Street Art als eine Kunstrichtung angenommen. 

Kunstkritiker haben angefangen, dieses Phänomen Mitte der 80er Jahren wahrzunehmen. Es entstanden die ersten Ausstellungen auf den Straßen. Die berühmteste von ihnen fand 1980 unter dem Namen Times Square Show statt. Der New-Yorker-Stil wurde in den ganzen USA bekannt, von woher er nach Europa gelang. Hier wurde er zum untrennbaren Element der Hip-Hop-Kultur. Mitte der 80er Jahren war er auch typisch für die Punk-Kultur und wurde mit der Produktion von Zins, Albencovers, Flugblättern oder dem Aufschreiben von sowohl anarchistischen, wie auch pazifistischen und feministischen Mottos im öffentlichen Raum, assoziiert. Gleichzeitig wurden auch die Tags immer mehr verbreitet und nicht ohne Bedeutung war das Bemalen der Berliner Mauer. 

Wie sah es in Polen aus?

In Polen fängt die Street Art in derselben Zeitspanne an aufzutreten und ist eng mit der Breslauer Orangen Alternative verbunden. Ich will hier nicht auf die früheren patriotischen Mottos oder Graffitis während des 2. Weltkriegs eingehen. Wir sprechen die ganze Zeit über den gegenwärtigen Graffiti-Trend in der Street Art. In Polen ist es die Zeit der Orangen Alternative, verbunden mit der Person von Waldemar Fydrych “Major”, der auf die Mauern Zwerge gezeichnet hat. Man muss auch die Gruppe Luxus erwähnen. Der von ihr stammende Jacek “Ponton” Jankowski war der Vorläufer mutiger Schablonen in Wrocław / Breslau. Eine ähnliche Tätigkeit ist auch in der Dreistadt zu finden - in Gdańsk / Danzig agierte der Verein des Bundes der Kämpfenden Jugend (pl. Federacja Młodzieży Walczącej). Genauer gesagt, handelt es sich um das Jahr 1984 mit einer Aktion, im Rahmen welcher die Stadtbewohner mit scherzhaften Aufschriften bombardiert wurden.

Während der Wende der 80er und 90er Jahre waren Graffiti nichts neues in der Landschaft von vielen polnischen Städten. Man veranstaltete Ausstellungen in Studentenclubs und unabhängigen Kunstgalerien - z.B. die Breslauer Dessa organisierte eine Schablonenausstellung und das Zentrum der Zeitgenössischen Kunst Schloss Ujazdowski (pl. Centrum Sztuki Współczesnej Zamek Ujazdowski) in Warszawa / Warschau präsentierte die Dokumentation der polnischen Graffiti. Kurator der Ausstellung war kein anderer als Tomasz Sikorski, dessen Name eng mit Street Art in Polen verbunden ist. In dieser Zeit entstand auch die erste Veröffentlichung über Graffiti in unserem Land - “Polskie Mury. Graffiti - sztuka czy wandalizm?” (“Polnische Mauern. Graffiti - Kunst oder Vandalismus?”). Es war das Jahr 1991.

Wann wurde Street Art in Polen als Kunst angesehen?

Um ehrlich zu sein, waren es die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts, in welchen Dutzende Graffiti-Gruppen entstanden sind. Die ersten Ausstellungen fanden 2008 statt - in BWA in Wrocław / Breslau und auch in Łódź / Lodsch. In dieser Zeit funktionierte Street Art am Rand der Kunstgeschichte und wurde noch für Vandalismus gehalten. Die Institutionen haben dieses Phänomen mit begrenztem Vertrauen beobachtet. Damals wurden die ersten vorsichtigen Entscheidungen getroffen, die ersten Definitionen von Street Art geschaffen… Die Kunsthistoriker und -Theoretiker haben damals erst angefangen, dieses Phänomen zu benennen. 

Man kann also sagen, dass dieses Phänomen sich in ihren Augen entwickelt. 

Es ist faszinierend, dass wir mit dieser Kunstrichtung von Anfang an sind. Wir folgen ihr von ihrer Entstehung und während ihrer Entwicklung. Ich beschäftige mich mit Street Art seit 11 Jahren, also sehe ich, wie sie sich verändert. 

Urban Art kam sehr langsam in die Galerien hinein. Mit der Zeit haben sie die Tür für die Künstler geöffnet und sie selbst - obwohl noch unsicher - haben angefangen, mit den Galerien zusammenzuarbeiten oder sich an internationalen Projekten zu beteiligen. Der richtige Boom fing erst nach 2008 statt und dauerte 3-4 Jahre lang. 

blu, "Der schlafende Geizhals", ul. Cybulskiego 15 

| Foto bereitgestellt von BWA Wrocław

Wenn wir das Jahr 2008 ansprechen, meinen wir die erste Auflage der Biennale OUT OF STH, die Sie zusammen mit Sławomir Czajkowski organisiert haben. Was war das für ein Gefühl, so eine Pionierausstellung vorzubereiten?

Es war ein interessantes Erlebnis. Wir selber haben uns der Strategie des Partisanenkriegs bedient. Als Kuratorin wusste ich selbst nicht, welches Werkzeug ich benutzen soll, um so eine Ausstellung zu veranstalten. Wir reden schließlich über Murals, die sich außerhalb unserer Galerie befanden. Wie soll man diese Kunstrichtung in den Mauern der Galerie zeigen? Um welche Kunstformen handelt es sich überhaupt und wie soll man den Menschen bewusst machen, dass es kein Künstlerhandel ist, sondern, dass wir nur mit ihnen Murals malen, mit Künstlern, die früher in Opposition zu Institutionen standen und eine Alternative bildeten, und die jetzt im Mainstream auftreten. 

Die erste Auflage zeigte, dass viele von ihnen ihre wahre Identität verstecken wollten. Sie verhüllten ihre Gesichter, traten unter Pseudonymen auf, unterschrieben die Vorträge als andere Personen. Als wir mit einem Teil von ihnen in der nächsten Auflage gearbeitet haben, also 2010 und sogar später, haben wir gemerkt, wie sehr sich die Situation verändert hatte.   

Wonach haben sie sich mit Sławomir Czajkowski gerichtet? Sie haben erwähnt, dass sie improvisieren mussten, aber wir können auch sicher von genauer festgelegten Zielen sprechen, die sie vor sich gesetzt haben.

Von Anfang an war es uns wichtig, die Straße nicht in die Galerie zu verlegen, sondern die Authentizität der Handlungen zu unterstreichen. Wichtig war, was die Stadt beschäftigt hatte und was den Künstlern die Arbeit im öffentlichen Raum gibt, was ihnen die Stadt gibt. Viele Künstler meinten damals, dass ihnen die Arbeit mit großer Skala wichtig ist und dass die Galerien oftmals für sie nicht erreichbar waren, deshalb haben sie die Stadt als ihre Galerie gewählt. Sowohl uns, wie auch den mit uns zusammenarbeitenden Künstlern, lag viel daran, ihre Kunstwerke, ihre Murals, in einen Kontext zu bringen, damit sie nicht ein zufälliges großformatiges ästhetisches Mosaik bilden. Sie sollten an Orte, Situationen und Verhältnisse gebunden sein. Aus diesem Grund mussten die Aufenthalte der Künstler entsprechend lang sein, nur so konnten sie sich mit der Situation vor Ort vertraut machen. 

OUT OF STH war der erste Event solcher Art in Polen, aber nicht in Europa. 

Eben dieser Fakt machte die Ausstellung so außergewöhnlich. Die erste Auflage unter dem Motto “Artyści zewnętrzni. OUT OF STH” (de. “Die Außenkünstler. OUT OF STH”), die im Juli stattgefunden hat, war die Nachfolgerin der Ausstellung im Londoner Tate Modern, die im April veranstaltet wurde. Man muss in Betracht ziehen, wie schnell dieses Phänomen nach Polen kam. Deswegen war es so stark und der anfängliche Wahn so spektakulär. Wir haben die berühmtesten Künstler eingeladen. Zu unseren Gästen zählten u.a. Blu und Ramed. Ihre Anwesenheit war etwas Besonderes.  

Hat Sie etwas in dieser Zusammenarbeit überrascht?

Ich fand es sehr interessant, dass die entstandenen Werke einen sozialen Charakter hatten und mit jeder nächsten Auflage das soziale Engagement wuchs. Nichts ist zufällig entstanden, es kam nicht zu einer Situation, in welcher der Künstler in die Stadt kommt und anfängt, in einem beliebigen Platz zu malen. Im Mittelpunkt stand der Kontext und dass die Werke einem bestimmten Ort und seinen Bewohnern gewidmet waren. 

Wie haben die Bewohner reagiert?

Damit sind mehrere Anekdoten verbunden. Z.B. Ramed wollte seiner Arbeit dem letzten Schliff geben und der Text, der auf Englisch verwendet sein sollte, wurde schließlich ins Polnische übersetzt, weil der Künstler so den Bewohnern des Hofes für die Möglichkeit, dort arbeiten zu dürfen, danken wollte. 

Anna Szejdewik Coxie,ul. Jedności Narodowej 59a 

| Foto bereitgestellt von BWA Wrocław

Hat die Biennale dazu beigetragen, dass das Phänomen der Street Art gezähmt wurde? Oder im Gegenteil - sprechen wir stets über eine künstlerische Tätigkeit, die man nicht in eine Schublade stecken kann?

Weiterhin fällt es schwer, die endgültige Grenze dieses Phänomens zu zeichnen. Ich war immer von dem Fakt fasziniert, dass die Tradition der neuesten Kunst, die Verneinung dessen, was erlernbar ist, was - in Anführungsstrichen - der Kunst ähnlich ist, darstellt. Indem wir uns auf die Suche nach dem Herzschlag der Stadt gemacht haben, haben wir ein Phänomen gefunden, das nur schwer definierbar ist. Dennoch wussten wir intuitiv, dass man Orte, die auf den ersten Blick nicht mit der Welt der professionellen Kunst verbunden waren, an einem Ort der Kunst zeigen kann. Dazu kommt noch die Tatsache, dass unsere Faszination mit der ästhetischen Seite des Murals, mit sozialen Problemen verknüpft ist. 

Was mir sehr wichtig in der Internationalen Biennale der Kunst im Öffentlichen Raum OUT OF STH ist, dass es sich um einen Versuch gehandelt hat, diese Kunstrichtung und die Bedeutung des städtischen Partisanenkriegs - denn so konnte man sie damals bezeichnen - zu verstehen. Ich war verzaubert von der Kraft der von unten kommenden Initiativen, dem Kommentieren und der Verantwortung für den Raum, in welchem man lebt, obwohl wir im Fall dieser Künstler eher von agierenden Figuren als Bewohnern sprechen. 

Sie haben die große Ausdruckskraft der Werke, die während OUT OF STH entstanden sind, angesprochen. Wenn wir aber bedenken, dass sie einen Teil der Stadt bilden, die sich ständig verändert, frage ich mich, inwieweit verändern sie sich mit ihr? Abgesehen von den natürlichen Zerstörungsprozessen, denen sie unterliegen, räsonieren die Werke weiterhin oder bekommen sie neue Deutungen? 

Im Rahmen der Biennale sind über 30 Werke mit kräftigem Ausdruck entstanden, aber was interessant ist, “leben” sie nach all diesen Jahren weiter. Z.B. bekommen die Murals Pseudonyme seitens der Bewohner. Ein Werk von Blu stellt einen Menschen, der auf einem Kissen gefüllt mit Geldscheinen und kostbaren Gegenständen schläft, dar. Die Bewohner haben ihn den “Schlafenden Geizhals” genannt. Reiseführer fügen dazu ihre Geschichten hinzu - dass der Mural zum Leben erwacht, wenn die Stadt einschläft. Grund dafür sind die Augen der dargestellten Figur, die dort gemalt worden sind, wo es die Küchenfenster gibt. Wenn also die Bewohner das Licht anmachen, erwacht der Mural zum Leben. 

Die Mehrheit der entstandenen Murals gibt es weiterhin, sobald sie nicht durch das Wetter oder Entscheidungen über z.B. Niederreißen des Gebäudes zerstört wurden. Viele von ihnen haben das Ansehen des Stadtbezirks gewonnen. Man kann natürlich auch scherzhaft feststellen, dass es sie nur deshalb weiterhin gibt, weil sie zu hoch sind, um sie zu zerstören. 

Inwieweit ist die Werkentstehung im Rahmen von OUT OF STH von den Veranstaltern kontrolliert? Man musste wohl die Flächen, auf welchen die Murals entstehen sollten, gut auswählen. 

Das war wegen der Bewilligungen notwendig. Als öffentliche Institution haben wir für die erste Auflage sowohl Zuschüsse seitens des Ministeriums, wie auch der Stadt bekommen. Man kann ruhig sagen, dass es ein langer und mühsamer Prozess war, in welchem wir uns durch unsere Intuition führen ließen. Ich besuchte die entsprechenden Ämter und erzählte mit Eifer über das geplante Projekt. Zusammen mit Sławek durchquerten wir die Stadt und fotografierten die Wände, die zu unseren Künstlern passen würden. Oftmals haben wir sie im Internet beobachtet. Das zweite Leben der Murals und der Street Art erfolgt im Internet. Die Kunst im Stadtraum ist vergänglich und dauert manchmal nur eine Weile. Die vielen Veröffentlichungen, Blogs oder Sammlungen, die die Arbeit der Künstler dokumentieren, verlängern ihr Leben. Auf dieser Art und Weise haben wir die Künstler eingeladen und dann suchten wir nach den entsprechenden Flächen für die Murals. Zusammen mit dem Magistrat haben wir festgestellt, wem die Gebäude gehören. Nach der Besprechung mit den Künstlern und der Anpassung zu ihrer künstlerischen Tätigkeit waren wir in der Lage, die entsprechenden Wände für sie zu reservieren. 

Entstanden auch Werke außer diesen gewählten Flächen? Ich verstehe, dass die Künstler die ihnen gegebene Möglichkeit geschätzt haben, aber wenn wir über die Wurzeln von Street Art denken, ist es ganz wahrscheinlich, dass sie auch Werke auf eigene Faust geschaffen haben, oder? 

Man muss daran denken, dass im Fall vieler dieser Künstler es sich um eine große Schaffensnot handelt. In Wrocław / Breslau sind Spots entstanden, wo sie ihre Tags und Unterschriften hinterlassen dürften. Einerseits sind während OUT OF STH großformatige Werke entstanden, andererseits - nach dem offiziellen Teil - haben wir uns verabredet und die Arbeiten auf Mauern und schwer zugänglichen Plätzen dokumentiert. Um ihre Frage zu beantworten - ja, es entstanden solche Werke. 

Wie haben sich die Schwerpunkte der Biennale verändert? Wir sprechen schon von fünf Auflagen. 

Das Konzept der Biennale veränderte sich von Anfang an. Wie ich schon früher erklärte, haben wir damit angefangen, Street Art und Urban Art dem Publikum zu präsentieren. Dieser Leitgedanke wurde dann in den nächsten Auflagen um die Werke der Künstler erweitert, die sich nur durch die Stadt inspirieren lassen oder neue Lösungen für die Stadt präsentierten. Während der ersten Biennale haben wir nur das Phänomen in der Galerie und im öffentlichen Raum vorgestellt. 

Die zweite Auflage konzentrierte sich mehr auf der Stadt. Wir wollten auf die Fragestellungen hinweisen, die diesen Raum annektieren. Der im Rahmen dieser Biennale entstandene Muralzyklus trug den Titel “Breaking the Wall” und die Werke entstanden eben in engen Gassen und Innenhöfen. Wir wollten die Energie der Stadt hervorheben. In Wrocław / Breslau gab es keine Berliner Mauer, die man zum Fall bringen musste, aber die schwierige Geschichte der Stadt ist nicht ohne Bedeutung. Früher Breslau, jetzt Wrocław, und dazu noch die gegenkulturelle Geschichte der 80er und zu Anfang der 90er Jahre… Dazu kommen wir nach dem Jahr 1989 - junge Menschen, für welche die Mauern den Raum boten, in welchem man gewisse Emotionen zum Ausdruck bringen konnte. So waren wir in der Lage zu reflektieren, wo wir uns befinden und wie wir leben wollen… 

Die dritte Biennale brachte über 100 künstlerische Handlungen in der Stadt und zeigte die Wendung in Richtung der Stadt, verstanden als der Ort der gegenkulturellen Lösungen und Inspirationsquelle. Wir haben angefangen, mit der Definition der Kunst zu experimentieren. Für mich war die Biennale schon damals ein Werkzeug der von unten organisierten Initiativen. Wir sprechen jetzt über die Jahre 2012-14, in welchen Urban Art keine Neuigkeit mehr war. Es mangelte nicht mehr an entsprechender Nomenklatur für ihre Entstehung. Ich finde, dass seit einigen Jahren der Raum dem Künstler nicht mehr gegeben, sondern aufgegeben wird. Jetzt ist es sehr wichtig, dass alles, was entsteht, über Ausdruckskraft verfügt. Wir können über Kraft eines Kunstwerks sprechen, wenn es von unten entstanden ist, für einen Gedanken oder eine Bürgerbewegung steht.

In der vierten Auflage beschäftigten wir uns weiterhin mit dem Potenzial gegenkultureller Möglichkeiten, aber mit dem Schwerpunkt Stadtutopie. Das Leitthema war “das Fahrrad” - aber nicht als Designerobjekt, sondern als Äquivalent einer Bürgerbewegung. 

Die fünfte Auflage von OUT OF STH weckte viele Emotionen. Das Motto “Beschlagnahme” (pl. “Zajęcie”) gab viele Interpretationsmöglichkeiten. 

Ja, es handelte sich um eine sehr konzeptuelle Auflage. Einerseits kehrten wir von den Murals ab, andererseits konzentrierten wir uns auf die Bewohner selbst. Das Gewicht wurde auf andere Orte gelegt. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wenn wir schon über die Gegenkultur in Wrocław / Breslau als einem historischen Ort gesprochen haben, sollten wir uns solche Plätze ansehen, wo auch Kunst entsteht und die Menschen kulturell tätig sind, aber man dies nicht aus der Perspektive der Einkaufszentren und Hauptstraßen sehen kann. Wir wollten die Formel umdrehen und in die Galerie diese Handlungen einladen. Wir wollten zeigen, dass sie authentisch sind, dass als Kunst nicht nur das verstanden wird, was in den Museen zu sehen ist. Wir wollten zeigen, dass die gegenwärtige Kunst in unserer Nähe entsteht, den Abstand verkürzen und die Isolierung von Leitgedanken der gegenwärtigen Kunst außer Kraft setzen. Wir haben in die Galerie solche Künstler eingeladen, die künstlerische Aktivität in den Wohnbezirken fördern und selbst auf den Straßen wirken. 

Sprechen wir noch über die Murals, die ein wichtiger Teil der Street Art sind. Zurzeit entstehen Dutzende von ihnen in den polnischen Städten. Handelt sich dabei um dasselbe Phänomen, wie am Anfang der Karriere von Street Art?

Ich finde, das Murals als Phänomen, das in die Popkultur eingedrungen ist, zum Werkzeug vieler Stadtämter wurde, das zu Werbezwecken verwendet wird. Von dieser Tätigkeit ziehe ich mich zurück. 

remed, ul. Ptasia

| Foto bereitgestellt von BWA Wrocław

Also gleicht ein Mural nicht dem anderen. 

Genau. Ich habe mehrere Telefonate oder Emails bekommen, mit Fragen seitens der Magistrate oder anderen Institutionen, die zum Beispiel für das 100-jährige Jubiläum der Unabhängigkeit Polens ein Mural anfertigen wollen, um Zuschüsse zu bekommen. Ich werde konkret danach gefragt, wie ein Mural entsteht, wie man die Fläche ausmessen soll, wie man die Wand vorbereitet, und so weiter, und so fort… In vielen Fällen spürte ich keine Authentizität, die die Murals auszeichnen sollte. Es fehlte an einem ausdrucksvollen Gedanken dahinter… Wir malen weiterhin Murals, aber es sind schon weniger. In nur kurzer Zeit machen wir die Ausstellung von Sławek Czajkowski auf. In ihrem Rahmen wird ebenfalls ein Mural entstehen, aber wie ich es schon sagte - es stellt nur ein Werkzeug von vielen dar, es ist eins der vielen Medien, der sich der Künstler bedient. Wie er selbst zugibt, braucht er weiterhin die Energie der Stadt, aber er drückt sich anhand anderer Objekte, Installationen und der Malerei aus. Er kann sowohl auf der Leinwand, wie auf der Wand eines Gebäudes Werke schaffen. Wir ziehen uns nicht völlig von den Murals zurück, aber von der jetzt in Polen dominierenden Muralose und Festivalose. Zurzeit ist eine Menge von Muralfestivals entstanden, hinter denen keine Idee steht. Es handelt sich nur um großformatige Gemälde, nichts mehr. 

Können wir also überhaupt über die Zukunft der Murals sprechen, wenn diese Kunstform so ausgeschöpft wurde? 

Ich denke, dass wir jetzt die Endetappe dieses Phänomens beobachten. Auch den kommerziellen Murals fehlt es an Originalität. Es entstehen einfach zu viele. Chopin-Jubiläum? Ein Mural. Verstoßene Soldaten? Ein Mural. Geburtstag des Papst? Ein Mural. Ich finde, dass die Begeisterung mit Murals sich dem Ende neigt. Das heißt aber nicht, dass keine guten Murals mehr entstehen. Interessant sind z.B. die Werke von Wojtek Kołacz Otecki, die an die Totemizität anknüpfen. Diese Murals sprechen das Thema der Ursprünglichkeit im Kontext des Stadtraums an. Seine Werke sind sehr originell und bekommen neue Bedeutung. Wir sind stets Zeugen der Entstehung interessanter Werke, trotz der Übersättigung mit Murals.  

Planen Sie eine weitere Auflage der Biennale OUT OF STH?

Ja, und auch diesmal interessiert uns - ich sollte sagen “mich”, da ich seit drei Auflagen das Event selber veranstalte, Sławek tritt in der Rolle des Künstlers auf - die Stadt als Inspirationsquelle, obwohl wir auch über unterschiedliche Räume sprechen werden. Uns wird auch die kleine Skala interessieren, weil ich davon überzeugt bin, dass eben in den kleinen gesellschaftlichen Aktivitäten große Kraft steckt. Ich will die Kunst der Menschen zeigen, denen nicht im Klaren ist, dass ihre Tätigkeit als Kunst bezeichnet und in dieser Kategorie betrachtet werden kann. Wir werden sehr genau den Gemeinschaftsgrad explorieren, die Zusammenarbeit der Künstler und anderer Gruppierungen in dem öffentlichen Raum. 

Wann wird die nächste Biennale stattfinden? 

Nächstes Jahr. Die Pausen zwischen den Auflagen sind ein bisschen länger und sind mit finanziellen Gründen verbunden. Früher haben wir die Zuschüsse ohne weitere Probleme bekommen. Die längeren Pausen geben uns aber mehr Zeit, um sich besser vorzubereiten. Abgesehen von der Biennale agieren wir weiterhin hier, in der Galerie Studio BWA an der Ruska-Straße, wo wir die Werke der Künstler zeigen, die stets sehr eng mit der Stadt verbunden sind. Obwohl die Stadt nicht immer die Bühne für ihre Tätigkeit wird, bleibt sie eine wichtige Inspirationsquelle. 

 

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