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Deutsche Illustration der Verfolgungen in Mora, Schweden, aus 1670
Deutsche Illustration der Verfolgungen in Mora, Schweden, aus 1670

Dass man Hexen fast auf der ganzen Welt jagte, ist wohl jedem bekannt. Viele finden jedoch, dass Polen ein Land ohne Scheiterhaufen war. Hat man hier wirklich Menschen bestraft, die sich mit Magie beschäftigten? Es stellt sich heraus, dass die Wahrheit nicht so rosarot ist, wie die Vorstellungen mancher. Die Scheiterhaufen brannten nämlich öfter, als man vermuten könnte…

Egal ob man an sie glaubt oder nicht, Hexen und Zauberer sind seit Jahrhunderten Teil des Alltagslebens von Menschen. Sie kommen nicht nur in der Kultur vor, sondern leben auch unter uns. Obwohl heute fast keiner an ihre magische Kraft glaubt, hatten Menschen vor Jahrhunderten große Angst vor der unheimlichen Macht, durch die Tiere starben, Haare sich verfilzten und es wochenlang nicht regnete. In der Magie sah man die Quelle des eigenen Unglücks und Leidens. Aus diesem Grund wurden Verdächtige gejagt und vor Gericht gestellt. „Die Hexenjagd begann in Europa im 15. Jahrhundert und dauert leider bis heute an, unter anderem in Afrika“, erzählt Prof. Jacek Wijaczka, ein polnischer Historiker und Professor der Geisteswissenschaften. In Polen fällt die Hexenjagd auf den Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Wer denkt, dass heute keiner mehr an die Kraft der Hexen glaubt, sollte sich gut die Nachrichten durchlesen. Man hört nämlich oft über Morde in Indien oder Afrika wegen Zauberpraktiken. 

Polen - ein Land ohne Scheiterhaufen? 

Allgemein denkt man, dass Polen ein Land ohne Scheiterhaufen war. Diese Meinung teilt jedoch Prof. Wijaczka nicht – „Polen war kein «Land ohne Scheiterhaufen». In der bisherigen Literatur ist Polen gleich nach dem Deutschen Reich, das europäische Land, wo man die Meisten wegen Hexerei angeklagten Personen hingerichtet hat“. Schätzungen polnischer Historiker zu den genauen Zahlen der Hexenprozesse, wie auch der Hingerichteten selbst, unterscheiden sich sehr. Bogdan Baranowski war der Meinung, dass man im Land bis zu 30 Tsd., vielleicht sogar 40 Tsd. Hexenprozesse durchgeführt hat, von denen ungefähr 10 Tsd. mit einem Todesurteil endeten. Janusz Tazbir hat die Schätzungen von Baranowski auf 4 Tsd.-6 Tsd. Hingerichtete abgesenkt, Małgorzata Pilaszek gab hingegen bekannt, dass es auf dem Gebiet von Corona Regni Poloniae zwischen dem 16. Jahrhundert und dem 18. Jahrhundert zu 867 Hexenprozessen kam, von denen 309 mit einem Todesurteil für mindestens eine Person endeten. „In Anlehnung an Meinungsforschungen, die verschiedene Regionen Polens betreffen, schätze ich, dass den rechtskräftigen Gerichtsurteilen zur Folge in Polen zwischen dem 16. Jahrhundert und dem 18. Jahrhundert ungefähr 2 Tsd.-3 Tsd. Menschen hingerichtet wurden“, stellte Prof. Wijaczka im Gespräch mit PolenJournal.de fest. 

 

 

Hexen in Polen 

Erste Erwähnungen zu Hexenprozessen in Polen stammen noch aus dem 15. Jahrhundert. Zur Zeit der Herrschaft des Bischofs von Płock namens Jakub in den Jahren 1396-1425 hat man einen gewissen Damian aus Borków Hexerei und Ketzerei vorgeworfen. Am 14.01.1436 in Posen beschuldigte man eine Frau wegen Magiepraktizierung während einer Hochzeit. In beiden Fällen ist jedoch nicht bekannt, ob es wirklich zum Prozess kam, und wenn ja, wie sie endeten. Im Jahr 1410 in Krakau hat man einen gewissen Mikołaj wegen Götzendienst und Hexerei beschuldigt. In diesem Fall hat man eine Untersuchung seiner Wohnung durchgeführt, wo man Sonnen- und Mondfiguren, einen Kristall und einen Spiegel fand, was die Vermutungen der Kläger bestätigte und zu einem Prozess führte. Dieser endete jedoch nicht mit einem Todesurteil, sondern mit einer Beschlagnahme seines Besitzes und der Verbannung aus der Stadt. Die erste Person, die man in Polen zum Tode durch Verbrennen verurteilte, war Dorota aus Zakrzew im Jahr 1476. Doch dank der Bürgschaft von Dritten und Widerrufung ihrer Taten, wurde die Frau freigesprochen. In den nächsten Jahren sah die Situation ähnlich aus. „Man kann also feststellen, dass zur Wende des Mittelalters und der Frühneuzeit polnische Kirchengerichte bei Rechtsfällen, die mit Hexerei verbunden waren, verhältnismäßig gnädig waren. Meistens wurde der angeklagten Person durch das Gericht befohlen, ihre Taten zu widerrufen“, stellte Wijaczka fest. Das erste ausgeführte Todesurteil, das ein weltliches Gericht gefällt hat, fand im Jahr 1511 in Chwaliszewo statt. Auf einem Scheiterhaufen wurde damals eine ältere Frau verbrannt, die wegen Kontakt mit schädlicher Magie angeklagt wurde.

Das polnische Salem 

Man sagt, dass Doruchów das sogenannte polnische Salem sein könnte, wo infolge eines Prozesses 14 Frauen zum Tode durch Verbrennen verurteilt wurden. Zur Hinrichtung sollte es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kommen, doch man hat über diese dramatischen Ereignisse erst im Jahr 1835 gesprochen, nach dem Erscheinen einer Relation eines Zeugen im Magazin „Przyjaciel Ludu“ (dt. Freund des Volkes), geschrieben von einem gewissen X.A.R. Diese Informationen wurden in die wissenschaftliche Literatur von Oskar Kolberg und Jan Karłowicz eingeführt. In Wirklichkeit haben diese Ereignisse jedoch nicht stattgefunden. „Es gab keinen Prozess in Doruchów im Jahr 1775, infolge dessen man 14 Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannte“, erklärt Prof. Wijaczka und erinnert, dass 2018 die polnische Historikerin, Ewa Danowska ein Dokument vorlegen konnte, woraus folgt, dass in Doruchów 4 Frauen angeklagt wurden, von denen 3 ein Todesurteil bekamen. „Doruchów war also kein polnisches Salem, obwohl der Mythos des Prozesses aus dem Jahr 1775 sogar in vielen wissenschaftlichen Publikationen als wahre Geschichte beschrieben wurde“, gibt Prof. Wijaczka hinzu.


Landgut in Doruchów, dem polnischen Salem | Sławomir Milejski, Wikimedia Commons

Wer war die letzte ermordete Hexe Europas? 

Die letzte Hexe, die in Europa auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, sollte Barbara Zdunk sein. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie in Wirklichkeit keine Hexe war, sondern eine unglücklich verliebte Frau. Barbara stammte aus einer armen Familie und musste von Jung an für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Noch bevor sie 20 Jahre alt wurde, heiratete sie einen Soldaten, doch die Ehe dauerte nur ein paar Wochen. Nach einiger Zeit hat sie sich unglücklich in einen Mann namens Jakob Auster verliebt, der ihr Liebhaber war. Als er sie jedoch verließ, hat sie aus Eifersucht das Haus in Brand gesetzt, wo sich der Mann mit ein paar anderen Personen befand. Weil infolge des Feuers einige Menschen gestorben sind, hat man Zdunk wegen Mordes angeklagt. Der Prozess dauerte ganze vier Jahre lang und endete mit einem Urteil, das die Frau zum Tode durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilte. Wegen der Wahl dieser Todesart, dachten viele, dass Zdunk eine Hexe war. „Als der Richter Zdunk sie zum Tode durch Verbrennen verurteilte, hat er wahrscheinlich das Strafgesetzbuch benutzt, das bereits im 16. Jahrhundert eine Todesstrafe auf dem Scheiterhaufen für Brandstifter vorsah, die den Tod anderer Personen verursachten“, erklärt Prof. Wijaczka. Die Vermutungen, dass Barbara Zdunk die letzte Hexe in Europa war, die man auf einem Scheiterhaufen verbrannte, sind also falsch.

Wer war also die letzte durch Verbrennen zum Tode verurteilte Hexe? Prof. Wijaczka ist der Meinung, dass die letzte, legal hingerichtete Hexe in Polen Franciszka Gołębiewska sein könnte, die man in 1773 in Gostyń anklagte. Nur 3 Jahre nach ihrem Tod wurden Folter bei Gerichtsverfahren und das zum Tode Verurteilen bei Hexenprozessen verboten. Gerichtsverfahren gegen Personen, die Magie praktizierten, haben weiter stattgefunden, doch sie endeten nicht mit dem Tode der Angeklagten. „Man sollte jedoch die Selbstjustiz gegen Krystyna Ceynowa in 1836 nicht vergessen“, stellt Prof. Wijaczka fest. Der Frau warf man vor, einem Bewohner des heutigen Dorfes Chałupy eine Krankheit mit Hilfe von Magie verschafft zu haben. Ceynowa war eine Witwe von einem Fischer, die sich mit der Reparatur von Fischnetzen beschäftigte. Ihre Nachbarn und andere Bewohner des Dorfes haben sie jedoch nicht wirklich gemocht, weswegen sie von vielen als die Quelle des Bösen angesehen wurde. Dazu besuchte sie nicht die Kirche und es saßen oft schwarze Vögel auf ihrem Haus, was natürlich als ein schlechtes Symbol angesehen wurde. Als die Frau des kranken Jan Kąkol ins Dorf Stanisław Kamiński, einen Mann der bereits oft wegen illegaler Quacksalberei verurteilt wurde, herbei holte, stellte er fest, dass er den Kranken nicht heilen kann, weil jemand ihn mit einem Fluch belegt hat. Die Bewohner des Ortes mussten nach Verdächtigen nicht lange suchen. Die Anschuldigungen wurden gleich Richtung Krystyna Ceynowa ausgesprochen. Man hat die Frau festgenommen und so lange geschlagen und misshandelt, bis sie ihre Schuld gestanden und versprochen hat, den Mann vom Zauber zu befreien. Nachdem sich jedoch sein Zustand nach einer zusammen verbrachten Nacht nicht veränderte, hat Kamiński entschieden, eine Wasserprobe durchzuführen. Weil Ceynowa sie nicht bestanden hat, haben die Dorfbewohner sie ermordet. Man kann also meinen, dass sie, und nicht Barbara Zdunk, die letzte, ermordete Hexe in Europa war.

 

 

Hexenproben und Foltern

Um zu überprüfen, ob die angeklagten Hexen oder seltener Zauberer wirklich Magie praktiziert haben, hat man verschiedene Hexenproben an ihnen durchgeführt. Am bekanntesten war die Wasserprobe. „Diese Hexenprobe wurde auf verschiedenen Etappen des Prozesses durchgeführt, manchmal noch vor dem Beginn, um zu überprüfen, ob die angeklagte Person wirklich eine Hexe war und man ein Prozess einleiten muss, und manchmal bereits während des Prozesses, um so den „endgültigen“ Schuldbeweis zu finden. Es gab keine einheitliche Praxis bei diesem Thema“, erläutert Prof. Wijaczka. Meistens wurden die wegen Hexerei angeklagten Personen ausgezogen, ihre Beine und Hände wurden einander gebunden und man warf sie ins kalte Wasser. Wenn die Person dann sank, bedeutete es, dass sie unschuldig war und sie wurde wieder von den Helfern des Henkers, die die Schnüre festgehalten haben, herausgezogen. Das war jedoch eine perfekte Gelegenheit für Missbräuche. Von den Helfern des Henkers hing es nämlich ab, ob die Person ertränkt wurde, oder nicht. Viele polnische Bischöfe haben solche Praktiken verboten, doch nur wenige haben sich an dieses Verbot gehalten.

An den als schuldig gehaltenen Personen wurde dann Folter durchgeführt, während der sie alle ihre Schulden beichten sollten, damit die Kläger ein Urteil fällen konnten. Das diese furchtbaren Qualen der Grund waren, wieso die meisten sogar die absurdesten Vorwürfe zugaben, hatte keinen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit der Klage. Interessant ist, dass man in den Akten über Hexenverfolgungen in Polen fast nie eine Beschreibung der Folter finden kann. Nur in ein paar Fällen hat man den ganzen Folterprozess beschrieben. So war es beispielsweise bei der bereits erwähnten Franciszka Gołębiewska. Während der ersten Folter hat man sie in ein Hexengewand umgezogen, ein paar Medaillons und einen kleinen, gesegneten Salzsack um ihren Hals umgehängt und erst dann begann man mit dem Austreiben des Teufels. Später gab man ihr drei Tropfen Wachs, das in Weihwasser eingetunkt wurde. Weil die Angeklagte dabei ihre Ruhe bewahrte, hat man an ihre Hände und Füße Gewichte gehangen. Während der Folter wurde sie auch ungefähr 300 Mal mit hölzernen Ruten geschlagen. Prof. Wijaczka erklärt, dass die Frau in einem furchtbaren Zustand gewesen sein musste, weil man sie einen ganzen Monat in Ruhe gelassen hat, bis man die weiteren Folter fortgesetzt hat. Einige Zeit später fand man in ihrer Wohnung einen kleinen Sack mit Hafermehl und ein Glas mit einer Salbe drinnen. Der erste Fund sollte zur Fluchbelegung dienen, um Regen herbeizubringen oder den Tod von Vieh zu verursachen. Dank der Salbe konnte die Frau hingegen auf ihrem Besen fliegen. Nach weiterem Foltern, während der man ihr einen Liter Wasser in den Darm eingoss, die Fingernagel rausriss, mit heißem Harz besprengte und in ihre Hände schraubte, ist die Frau im Gefängnis gestorben. 

Wenn die Angeklagten ein Geständnis ablegten und die Folter überlebt haben, wurden sie meistens zum Tode durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Opfer, die in Polen meistens aus den armen Schichten einer Stadt oder dem Bauerntum stammen, starben vor den Augen vieler Gaffer. Die Hinrichtungen der vermeintlichen Hexen und Zauberer waren nämlich als eine Art Unterhaltung angesehen, wie auch Sozialdisziplinierung, also eine Warnung vor der Abkehr von der Religion. Wegen Hexerei wurden vor allem Frauen angeklagt. Manchmal konnte man auch Informationen über männliche Zauberer finden, doch in den meisten Fällen hat man sich auf die Frauen konzentriert. Man war nämlich der Meinung, dass diese ihre Kräfte durch den Kontakt mit dem Teufel bekamen. Die Abkehr von der Kirche und Ketzerei waren sehr oft mit der Verbrüderung mit dem Satan und Magie gleichbedeutend. Auch vom Aussehen her war es schwer zu urteilen, ob sich jemand mit Hexerei befasst. „Eine wegen Magie und Hexerei angeklagte Frau sah genauso aus, wie jede andere Bewohnerin eines damaligen Dorfes oder einer Stadt. Sie hat sich gleich gekleidet. Die meisten auf dem Scheiterhaufen verbrannten Frauen waren nicht alt, sondern mittleren Alters, mit Ehemännern und Kindern“,stellt Prof. Wijaczka fest. Sie unterschieden sich nicht von normalen Frauen. Weil sie jedoch sehr oft einen schlechten Ruf oder mit anderen oft gestritten hatten, wurden sie wegen Hexerei angeklagt.


Reszel | Schneider Ludwig, Wikimedia Commons

Treffpunkt der Hexen

Es entstanden auch viele Geschichten über Hexen. Sie sollten auf einem Besen fliegen und sich regulär mit dem Teufel treffen. Ihr Treffpunkt war Łysa Góra (dt. Kahler Berg). Damit meint man jedoch nicht den Gipfel im Heiligkreuzgebirge. „Łysa Góra musste kein Berg sein. Im Flachlandgebiet war der Treffpunkt am Kahlen Berg zum Beispiel eine Waldwiese, ein Scheideweg, Orte am Fluss oder das Dach eines Wirtshauses“ – erklärt Prof. Wijaczka. Es war also ein Treffpunkt der einheimischen Hexen, wo sie Festmahle veranstaltet haben. Sie haben ein Feuer angezündet, getanzt und geheimnisvolle Gifte und Mixturen gemischt, die sie später Tieren und Menschen gaben. Heute sind Hexenspuren in Polen jedoch schwer zu finden.

Die Geschichte der Hexenjagd in Polen fand also nicht ohne Scheiterhaufen statt. Man kann sogar sagen, dass die Situation umgekehrt aussah und die verdächtigen Personen wegen jeder Kleinigkeit hingerichtet wurden. Heute ist es schwer zu sagen, wie viele Personen im Laufe der Jahrhunderte im Land verurteilt wurden, doch es ist sicher, dass es entscheidend zu viele waren. Und obwohl heute fast keiner an die Existenz der Hexen glaubt, fasziniert das Thema uns immer noch. Jeder braucht nämlich etwas Magie in seinem Leben.

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