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Donnerstag, 09. Dezember 2021
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Als ich vor fast 6 Jahren genau von Berlin nach Polen ausgewandert bin, wusste ich noch nicht ganz genau, was mich überhaupt erwarten wird. Ich wusste auch weder wie lange ich bleiben werde, noch was ich machen werde. Mit 1.000 € und 4 Vorstellungsgesprächen als Fremdsprachenlehrer im Gepäck machte ich mich auf ins Abenteuer. Heute 6 Jahre später spreche ich relativ akzeptabel Polnisch, habe eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, meine polnische Identifikationsnummer PESEL, mit der ich zum Arzt gehe, Kredite bekomme oder Bürgerdienstleistungen unkomplizierter erhalte, und werde nächstes Jahr in Polen eine Polin heiraten. Man könnte also mit Recht behaupten, ich sei in der polnischen Gesellschaft angekommen und akzeptiert. Polen und besonders mein Wohnort Łódź/Lodz sind zu meiner neuen Heimat geworden. Dabei frage ich mich aber auch immer wieder, ob nun Deutschland und Berlin eigentlich noch immer meine Heimat sind, ob man mehr als eine Heimat haben oder sogar seine Heimat verlieren kann. Über solche und andere Fragen habe ich mir in den letzten Jahren viele Gedanken gemacht und möchte diese nun hier mit teilen.

Gibt es eigentlich einen Plural von Heimat?

Nachdem ich 2015 in Kraków/Krakau gelandet bin, habe ich mich sehr schnell eingelebt. Ich sprach bereits ein bisschen Polnisch und habe schnell einen Job als Sprachlehrer gefunden sowie neue Freundschaften geknüpft. Meine Frau sagte damals zu mir, ich sei ein Chamäleon, da ich mich immer sehr schnell an neue Situationen und Orte anpassen kann. Ich habe auch zum ersten Mal richtig gelernt, was es heißt Ausländer zu sein und das manche Dinge dadurch komplizierter werden als im Alltag in der Heimat. Wenn man diese Situationen allerdings gemeistert hat, bereitet einem dies jede Menge Stolz und zusätzlich bleibt jeder neue Tag für sehr lange Zeit aufregend und spannend, wenn nicht sogar ein kleines Abenteuer. Ich habe ebenfalls bemerkt, was es bedeutet, Deutscher zu sein oder besser gesagt, wie andere Menschen im Ausland die Deutschen sehen. Da ich aber nun selbst im Ausland gelebt habe, wurde mir bewusst, wie Deutschland auf einen wirkt, wenn man nicht direkt Teil der Gesellschaft ist, da man im Ausland wohnt und lebt. Ich war auch nie ein großer Fan davon, mich als Deutschen zu bezeichnen, da ich mich in erster Linie als Berliner sowie als Europäer sehe. Das hat nichts mit der Vergangenheit zu tun oder dass man sich von Zeit zu Zeit für die Handlungen von anderen Deutschen oder der Politik in Deutschland rechtfertigen muss, sondern mehr sich einer Nation zuordnen zu müssen. Ich muss aber an dieser Stelle auch festhalten, dass ich die Vorzüge eines deutschen Passes und einer Geburt in Deutschland sehr schätze und mir diesem auch bewusst bin. Aber ich habe mich nie als Deutschen gesehen, und schon gar nicht als typisch Deutsch. Dadurch habe ich angefangen das gesamte Konzept der Heimat mir einmal näher anzuschauen und zu betrachten. Dabei habe ich herausgefunden, dass es für viele ein Ort ist, meist der, wo man aufgewachsen ist, aber für andere wiederum auch ein Gefühl oder sogar Gerüche und bestimmte Traditionen. Eines hatten die Assoziationen in der Regel aber gemeinsam, sie waren auf das Land bezogen, in dem die Leute geboren wurden. Das ist natürlich auch nachvollziehbar, da sich die Erinnerungen der Kindheit und wie wir aufwachsen, sehr stark in das Gedächtnis einbrennen und uns unser gesamtes Leben lang prägen. Viele haben aber auch gesagt, dass es ein Ort ist, an dem man sich wohlfühlt. Nach längerem überlegen kam ich zu dem Schluss, dass man sich ja an mehreren Orten wohlfühlen kann und dies viele Menschen auch tun, warum sollte dann aber, wenn man seine ursprüngliche Heimat verlässt und in ein anderes Land geht, der neue Lebensmittelpunkt nicht auch eine neue Heimat werden, aber ohne die andere zu verlieren. Man kann doch einfach mehr als eine Heimat haben, das sollte doch möglich sein. Die deutsche Sprache zum Beispiel kennt aber keinen Plural von Heimat, da es laut diesem Konzept nur eine Heimat geben kann, aber mehrere Heimatorte. Das ergibt Sinn, ist aber mit der heutigen Zeit, in der viele Menschen ins Ausland gehen und sich dort ein neues Leben aufbauen, nicht mehr vereinbar. Der simple Fakt, dass es im Deutschen keine Mehrzahl vom Wort Heimat gibt, sollte nicht dafür entscheidend sein, dass Menschen mehr als eine Heimat haben können. Wie bereits erwähnt, bin ich jemand, der sich schnell an neue Situationen und Ort gewöhnt, daher fühle ich mich auch relativ schnell an neuen Orten sehr wohl und hatte Polen sehr bald als meine neue Heimat ernannt. Somit fing es auch schnell an, dass sich mein Blick auf meine alte und vermeintlich eigentliche Heimat zunehmend veränderte und ich mich ebenfalls. In Deutschland wird Pünktlichkeit sehr geachtet und großgeschrieben, in anderen Ländern, wie auch in Polen, ist es nicht so dramatisch, wenn man einmal zu spät kommt. Dafür gibt es ja schließlich Mobiltelefone. Mir ist Pünktlichkeit auch sehr wichtig, und niemand sollte warten gelassen und somit seiner kostbaren Zeit beraubt werden, aber ob ich nun 20 min später zum Sport gehe oder wir 10 min später zu meiner Schwiegermutter zum Essen kommen, spielt für mich keine bedeutende Rolle mehr, da ich meine Einstellung zum Thema Pünktlichkeit geändert und besser gesagt den örtlichen Gegebenheiten angepasst habe. Andere Dinge, wie zum Beispiel das Essen oder bestimmte Traditionen, unterschieden sich nicht so stark von Deutschland, sodass mir die Eingewöhnung leichter fiel, und wenn man es mag, sich andauernd zu beschweren, dann ist man in Polen auch ganz gut aufgehoben, da ähneln sich die Deutschen und Polen sehr. 

Eine Pflicht die Landessprache zu beherrschen 

Um aber einen neuen Wohnort im Ausland wirklich als neue Heimat bezeichnen können, muss man in der Gesellschaft, in der man nun lebt und arbeitet, auch vollkommen integriert sein. Dies geschieht am einfachsten über die Sprache und ohne die Landessprache zu beherrschen, wird diese Integration sehr schwer fallen oder höchstwahrscheinlich nicht gelingen. Manche Menschen gehen sogar soweit zu sagen, dass es eine Verpflichtung geben sollte, dass Menschen, die neu in ein Land kommen, auch die Sprache zu sprechen haben. Man kann selbstverständlich niemanden dazu zwingen, eine Sprache zu lernen, aber die Idee dahinter ergibt Sinn, zu sagen, dass nur so eine erfolgreiche Integration gelingen kann. Besonders in Europa mit seiner Freizügigkeit, dass jeder EU-Bürger wohnen und arbeiten kann, wo er oder sie möchte und den offen Grenzen, wäre solch eine Idee schwer umsetzbar, aber es zeigt auch, dass man heutzutage in vielen Ländern der Welt leben kann, ohne die Landessprache zu beherrschen. Besonders im Falle von Polen handelt es sich um ein sehr kompliziertes Unterfangen, da Polnisch für alle Menschen, die nicht einer slawischen Sprache wie Russisch, Serbisch oder Slowakisch mächtig sind, eine der schwierigsten Sprachen auf der Welt zum Erlernen ist. Man muss sich also anstrengen, wenn man diese Sprache beherrschen will, und es auch wirklich wollen. Allen Personen, die nicht länger als 2 Jahre in Polen bleiben wollen, empfehle ich, sich den Stress nicht anzutun, da es sich nicht lohnt. Natürlich ermutige ich aber auch jede Person, Sprachen zu lernen und man sollte auch wenigstens die wichtigsten Wörter und Phrasen kennen, aber perfekt muss man sie nicht beherrschen, wenn der Aufenthalt in Polen nur für 1-2 Jahre geplant ist. Mir war es immer wichtig, die Sprache zu beherrschen und ich war auch daran interessiert, sie zu erlernen. Daher habe ich 2012 damit angefangen, und zwar aus demselben Grund, weshalb Angela Merkel Physik studiert hat, ich wollte mich der für meine Verhältnisse damaligen größtmöglichen Herausforderungen stellen. Mit einigen Problemen und Frustrationen zwischendurch, kann ich nun sagen, dass ich aktuell auf einem ziemlich guten Weg bin. Das ist somit ein weiterer Punkt, der mich dazu bringt, Polen als meine Heimat zu betrachten. Dabei fiel mir auf, dass Polen aber mehr und mehr zu meiner eigentlichen Heimat wird und die alte Heimat Deutschland von mir immer weniger als solche bezeichnet wird, da ich die meiste Zeit in Polen verbringe, hier Freunde und Familie habe und auch meine Zukunft hier sehe, solange nicht irgendetwas Unerwartetes passieren sollte. Es geht sogar soweit, das Deutschland teilweise von mir nur noch als mein Geburtsland oder Herkunftsland bezeichnet wird. Dafür gibt es auch einige Gründe. 

Heimat für unterwegs und zum Mitnehmen

Denn vor einiger Zeit fiel mir auf, dass nachdem mein Vater nicht mehr lebt, und meine Mutter seit vielen Jahren nicht mehr in Berlin wohnt, sondern an den Stadtrand gezogen ist, dass meine Heimat Berlin, gar nicht mehr als meine Heimat funktionieren konnte, da ich jetzt offiziell in Brandenburg bei Mutter am Wohnort gemeldet bin und nicht mehr in Berlin. Je älter man wird, desto weniger Freundschaften hat man und somit geht auch wieder ein kleines Stück Heimat verloren und besonders Berlin hat sich in den letzten Jahren so stark verändert, dass ich meine Heimat manchmal kaum wiedererkenne. Alle Dinge, die meine Heimat bisher ausgemacht haben, sind weg oder verändern sich zumindest so extrem, dass ich sie nicht mehr als Teil meiner Heimat wahrnehme. Natürlich gehören zum Konzept der Heimat auch Erinnerungen an Orte und Menschen, die einem auch nie jemand nehmen wird und kann. Aber wenn die Orte sich verändern und die Menschen, die Teil der Erinnerungen sind, nicht mehr da sind, dann geht auch ein Stück Heimat verloren. Das heißt schlussendlich aber auch, man kann mehr als eine Heimat haben, man kann sie aber auch verlieren, wobei gesagt werden muss, dass ich meine Situation nicht mit der eines Menschen vergleiche, der seine Heimat durch Krieg, Vertreibung oder Zerstörung verloren hat. Aber in solch einem Fall muss dann einfach der neue Lebensmittelpunkt als Heimat herhalten, und in meinem Fall klappt das bereits ganz gut, und zwar so gut, dass ich mich entschieden habe in den nächsten Jahren die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Der Vorteil ist, dass ich meine deutsche Staatsangehörigkeit behalten kann. Nicht, dass es mir wichtig wäre, weiterhin offiziell Deutscher zu sein, aber ob ich es nun will oder nicht, es gehört zu meiner Identität irgendwie dazu und hat mich die ersten 30 Jahre meines Lebens auch begleitet und irgendwie geprägt. Ein weiterer Vorteil wird aber auch sein, dass ich meinem Traum näher komme, denn ich träume davon als Europäer und nicht als Deutscher oder Pole zu sterben. Es wäre schön, wenn es in der EU irgendwann soweit ist, dass man einen europäischen Pass bekommt und nicht mehr nur einer bestimmten Nation angehört, sondern einem ganzen Staatenverbund und es irgendwann sogar gar keine Länder und Grenzen mehr gibt. Das ist eine Idealvorstellung, die heute noch sehr unwahrscheinlich wirkt, aber das war eine gemeinsame Währung für 19 Länder vor 50 Jahren auch noch. Und wenn ich in der Zwischenzeit doch meine alte Heimat vermisse, dann kommen mich meine Freunde einfach besuchen und bringen somit das Heimatgefühl einfach mit oder ich fahre nach Berlin und bringe mir Produkte mit, die es nur in Berlin oder Deutschland gibt, um mir die alte Heimat mit nach Hause nehmen oder unterwegs auf der Fahrt genießen zu können. 

 

Dieser Text stammt aus dem PolenJournal-Magazin (Onlineausgabe 2/2021) 

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